Jackie (2016)

Jackie (2016)

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  3. 95 Minuten

Filmkritik: First Lady in Trauer

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
Das Büro ist aber nicht oval.
Das Büro ist aber nicht oval.

Am 22. November 1963 wird der US-Präsident John F. Kennedy in Dallas erschossen. Die First Lady Jackie (Natalie Portman) sitzt direkt neben ihm, als die Schüsse fallen. In den Stunden und Tagen danach muss sie ihr Trauma überwinden, für die gemeinsamen Kinder da sein und ein Begräbnis planen, das ihres Gatten würdig genug ist. All dies unter den Augen einer geschockten Nation. Dabei stehen ihr nur ihre treue Begleiterin Nancy Tuckerman (Greta Gerwig) und mit Abstrichen Kennedys Bruder Bobby (Peter Sarsgaard) zur Seite.

Verschleierte Trauer.
Verschleierte Trauer.

Nach den Vorfällen gibt Jackie dem Journalisten Theodore H. White (Billy Crudup) auf ihrem Landsitz in Hyannis Port ein längeres Interview und erklärt sich darin der Öffentlichkeit. Das Weisse Haus, das sie Jahre zuvor - von TV-Kameras begleitet - gediegen restauriert hatte, musste sie bis dann bereits verlassen. Auch einem Priester (John Hurt) offenbart sie sich. Trotz all der seelischen Erschütterungen hält sie aber ein öffentliches Bild von sich und ihrem Mann aufrecht, das sie - und nur sie - kontrollieren darf.

Verdichtet auf die paar Tage von der Ankunft in Dallas bis zur Beerdigung ein paar Tage später, schildert der Chilene Pablo Larrain in seinem ersten englischsprachigen Film die Ermordung von JFK aus der Sicht seiner Witwe Jackie. Natalie Portman zeigt dabei ihr facettenreiches Können. Und da sich um die intimsten Gedanken der First Lady die Legenden ranken, werden dabei Fakten und plausible Vermutungen zu einem ungewöhnlichen Biopic verquickt, das das Wirken einer Stil-Ikone in Trauer zeigt, aber auch Fragen über den Sinn des Lebens im Allgemeinen aufwirft.

Jackie Kennedy gilt heute noch als eine der beliebtesten First Ladys aller Zeiten. Die Bilder von ihr und ihrem Kleidungsstil prägten die Sechziger. Eine wahre Stil-Ikone, die fürs Kino und TV schon von Katie Holmes oder Jaclyn Smith gespielt worden ist. In dieser Fassung übernimmt Natalie Portman die Rolle, und es ist alles andere als ein gewöhnliches Biopic. Denn eigentlich ist wenig über Jackie persönlich bekannt.

Konstruiert um eine Interview-Situation auf dem Kennedy-Anwesen in Massachusetts, mixt das Drehbuch von Noah Oppenheim Fakten mit Vermutungen zu Jackies Wesen in nicht-chronologischer Weise. Ihr Gespräch mit dem Priester, bei dem es auch um Todessehnsüchte und den Sinn des Lebens geht, wurde zum Beispiel komplett erfunden.

Verbürgt ist hingegen, dass sie das blutüberströmte Chanel-Kostüm noch den ganzen Tag trug, auch als der Vizepräsident für Amt eingeschworen wurde. Weniger bekannt ist wohl, wie sie ihren Kindern die traurige Nachricht überbrachte. Oder wie genau sie auf den heute widerlegten Vergleich von JFK mit König Arthur und dem mystischen Schloss Camelot kam, den sie einem Journalisten des Time-Magazins einflötete. All dies spielt Natalie Portman sehr facettenreich mit immer anderen Nuancen: vom starken Kontroll-Freak zur liebenden Mutter, beim "Beichten" ihrer zerrütteten Ehe oder schlicht im Schockzustand, wenn sie sich das Blut ihres Mannes aus den Haaren duscht.

Die Kamera oft ganz nah bei ihr, ist es durch und durch Portmans Film. Beängstigende Ähnlichkeit zum Vorbild geben die 1:1 nachgespielten Szenen der berühmten Führung durch das frisch renovierte Weisse Haus, für das sie mit dem Emmy ausgezeichnet wurde. Getragen wird Portman von einem ungewöhnlichen Score, den Mica Levi komponierte, die schon Scarlett Johansson in Under The Skin mit gespenstischen Klängen untermalte.

Einmal im Film fragt die First Lady unbeteiligte Dritte, ob sie William McKinley oder James A. Garfield kennen - andere US-Präsidenten, die während ihrer Amtszeit erschossen wurden. Da man verneint und nur Abraham Lincoln nennen kann, ist für sie klar, wie es nach dem Tod ihres Mannes weiterlaufen soll. Das öffentliche Bild muss gesteuert, das Vermächtnis des Ehemanns beflügelt werden. Natalie Portman spielt Jackie als Frau, die zu funktionieren hat, mit Gefühlskälte in Momenten höchster Emotionalität. Sie wollte eigentlich gar nie berühmt werden, wurde dann aber zur Kennedy - dies weiterer brillanter Satz aus dieser Charakterstudie einer Frau, die sich ihr öffentliches Bild zimmerte, obwohl sie eigentlich trauern wollte.

/ rm

Kommentare Total: 5

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Manchmal einen zacken zu langatmig, sonst sehr authentisch erzählt und sehr gut gespielt von Natalie Portman.

Ballerina

Ziemlich langweiliger Film, der mich einigermassen kalt liess. Ich kann ihn nicht weiterempfehlen.

sma

Pablo Larraíns Jackie ist eine einzige Beerdigung. Der Score von Mica Levi, die Kameraarbeit von Stéphane Fontaine und Natalie Portman in der Hauptrolle machen ihn zu einem herausragenden Film.

"Don't let it be forgot, that once there was a spot, for one brief shining moment, that was known as Camelot." <3

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