Inhebek Hedi (2016)

Inhebek Hedi (2016)

Hedi
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  2. 88 Minuten

Filmkritik: Hedi spürt den Frühling

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
S'Meiste meistert s'Mami.
S'Meiste meistert s'Mami. © Studio / Produzent

Der tunesische Mittzwanziger Hedi (Majd Mastoura) steht komplett unter den Fittichen seiner Mutter Baya (Sabah Bouzouita). Sie verwaltet sein Geld. Sie hat ihm den Job als Verkäufer bei einer Peugeot-Garage vermittelt. Und sie ist auch die treibende Kraft hinter der bevorstehenden Hochzeit mit Khedija (Omnia Ben Ghali). Ein ansehnliche und nette Braut, gewiss, aber bis auf ein paar heimliche Treffen in Hedis Auto kennen sich die Brautleute eigentlich gar nicht. Hedi lässt das bisher alles über sich ergehen.

Ferienflirt oder Liebe am Arbeitsplatz?
Ferienflirt oder Liebe am Arbeitsplatz? © Studio / Produzent

Bis er von seinem Chef in die Küstenstadt Mahdia geschickt wird, um neue Kundenstämme zu generieren. Leidenschaftslos und ohne viel Geschick versucht Hedi Autos an den Mann zu bringen. Viel lieber zeichnet er Comics - seine wahre Passion. Und bald schon liegt er nur noch am Strand, anstatt zu arbeiten. Dort wirft er ein Auge auf die Touristen-Animateurin Rim (Rym Ben Messaoud) - einen Freigeist auf dem beruflichen Sprung nach Europa. Die beiden beginnen eine Affäre. Dabei zeigt das Muttersöhnchen Hedi erstmals in seinem Leben so etwas wie Eigensinn. Wird er sich gegen seine Mutter auflehnen können und Rym von seiner Braut erzählen?

Hedi ist ein kleiner Film mit vielen Facetten tunesischen Flairs. Von den Gebrüdern Dardenne koproduziert, stellt er kleine Leute ins Zentrum, die ihrem normalen Leben nachgehen zwischen arabischem Frühling und althergebrachten sozialen Zwängen. Von guten Darstellern glaubhaft gespielt, kratzt der Erstling von Regisseur Mohammed Ben Attia fast schon die Grenze zu den internationalen Konventionen der Rom-Com, bleibt aber dennoch seinem Lokalkolorit treu.

Hauptfigur des Films ist der titelgebende Hedi. Majd Mastoura ist das verschupfte Etwas, das innerlich verkümmert und sein Leben je länger je scheisse findet. In öden Sitzungen, beim Kuschen vor Mama und dem Hemdenbügeln in einsamen Hotelzimmern wird sein Dilemma greifbar. Ein Waschlappen von einem Mann ohne allzugrosse Ambitionen. Der Kontrast dazu: Sabah Bouzouita als die Mutter. Ein auf äusserliche Heile-Welt-Fassade bedachte Glucke, die es vielleicht gar nicht böse meint, aber dennoch alles umso schlimmer macht mit ihrem Aktionismus. Sogar die Skype-Verbindung lässt sie sich vom Nachwuchs einrichten. Ein formidables Duo, das von der patenten Schönheit Rym Ben Messaoud bestens ergänzt wird.

Messaoud drängt auf Freiheit und spielt einen weiteren starken Typ Frau innerhalb des muslimischen Tunesiens nach dem Umsturz. Vom arabischen Mann, von dem man gemeinhin annimmt, dass er patriarchisch agiert, ist in Hedi wenig zu spüren. Der arabische Frühling wird thematisch angeschnitten, genauso wie das touristische Flair der Mittelmerküste des Landes als auch die ökonomische Krise. Unprätentiös wird eine Gesellschaft nähergebracht und locker die Balance mit dem Erzählen einer universellen Story des Erstarkens gehalten. Das ist viel Gelungenes für einen Erstling aus einer nicht als Filmland bekannten Ecke Afrikas und passt so bestens in den internationalen Wettbewerb der Berlinale 2016.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:03