I, Daniel Blake (2016)

I, Daniel Blake (2016)

Ich, Daniel Blake
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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Rage against the Verwaltungs Machine

69e Festival de Cannes 2016
Die Früchte waren in einem himmeltraurigen Zustand
Die Früchte waren in einem himmeltraurigen Zustand © filmcoopi

Newcastle, England: Seit Zimmermann Daniel Blake (Dave Johns) auf der Arbeit einen Herzinfarkt erlitten hat, ist er von seiner Ärztin krankgeschrieben. Um nun das Krankentaggeld zu beziehen, muss Daniel als erstes einen Fragebogen ausfüllen. Nachdem er diesen eingereicht hat, teilt ihm das Institut mit, dass seine erreichte Punktzahl zu tief und er somit arbeitsfähig sei. Daniel versucht Einspruch zu erheben, doch landet er erstmal 108 Minuten lang in der Callcenter-Warteschlaufe und später kriegt er auf dem Amt nur noch mehr Formulare und Auflagen aufgebrummt. Daniel ist schlichtweg überfordert.

Keine Kuschel(tier)justiz
Keine Kuschel(tier)justiz © filmcoopi

Ebenfalls überfordert ist Katie Morgan (Hayley Squires), die mit ihren zwei Kindern vom Arbeitslosenamt von London nach Newcastle geschickt wurde, da dort die Sozialwohnungen noch bezahlbar sind. Auf dem Amt trifft sie auf Daniel, der ihr fortan im Haushalt und mit den Kindern hilft. Doch auch gemeinsam scheint der Kampf gegen das britische Sozialsystem für sie schier aussichtlos.

Der neue und leider wohl letzte Film von Ken Loach ist ein unglaublich berührendes Drama, das zu Tränen rührt und grossen Applaus verdient hat. Getragen von zwei starken Hauptdarstellern wird eine Geschichte über kleine Leute erzählt, die gegen den mächtigen und unfairen Verwaltungsapparat kämpfen. Solche Filme gab es zwar schon einige - auch von Ken Loach -, aber selten waren sie so gut wie im Falle von I, Daniel Blake. Ein Film zum Lachen, Weinen, Wohlfühlen und Nachdenken. Grossartig.

Das ist er nun also, der letzte Film des britischen Regisseurs Ken Loach. Der Regisseur hat sich in seiner sich über 50 Jahre erstreckenden Regiekarriere immer wieder für die "kleinen Leute" eingesetzt, indem er die Mühen dieser Menschen gegen die staatlichen Einrichtungen thematisierte. So ist es nur passend, dass er bei seinem Abschlusswerk nochmals zum sogenannten "Kitchen sink realism" zurückkehrt. Herausgekommen ist mit I, Daniel Blake ein unglaublich berührendes Drama, bei dem Tränen gleich mehrmals überhaupt nicht verkehrt sind.

Einen grossen Anteil daran hat Hauptdarsteller Dave Johns, der vor diesem Film nur kleinere TV-Rollen spielte. Sein Daniel ist ein herzensguter Mensch, der mitanpackt und sich für Schwächere einsetzt; einer, der untersützend zur Hilfe eilt, wobei er doch selbst dringend Hilfe benötigt. Daniel ist ein Mann zum Gernhaben, und Johns Performance strahlt eine unglaubliche Wärme aus. So lacht der Zuschauer ihn dann auch nicht aus, wenn er die Computermaus am Bildschirm selbst auf- und abfährt. Wir lachen mit ihm und würden gerne selbst in die Geschehnisse eingreifen und ihm helfend zur Seite stehen.

Doch I, Daniel Blake ist nicht nur die Geschichte des Mannes im Titel. Der alleinerziehenden Katie gehört ebenfalls viel Screentime, und vor allem ihre Geschichte ist jene, die zu Tränen rührt. Die Ungerechtigkeit, mit welcher sie kämpft, ist einfach unerhört. Loach ist hier natürlich völlig parteiisch. Die Gegenseite kommt kaum zu Wort, und wenn sie es tut, ist es wenig vorteilhaft. Im Abspann wird dann den Personen gedankt, welche die Filmemacher mit Informationen zum britischen Sozialsystem belieferten. Es scheint wohl also wirklich jede Menge falsch zu laufen im Land von Queen, Cameron und der Premier League.

Das grösste Kunststück, welches Loach hier aber vollbringt, ist, dass sein Film zwar zwischendurch ein bisschen melodramatisch wird, sich aber zu keinem Zeitpunkt manipulativ anfühlt. Die Schicksale packen einfach zu sehr, als dass solche Dinge einen aus dem Film reissen könnten. Diese Geschichten lassen auch nach dem Abspann nicht mehr los. Applaus für Ken Loach, der hiermit einen krönenden Abschluss seiner grossen Karriere geschaffen hat. Unbedingt Taschentücher mitnehmen.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Er liebt die Filme von Christopher Nolan, die Festivals in Cannes und Toronto und kann nicht wirklich viel mit Jean-Luc Godard anfangen, was aber wohl auf Gegenseitigkeit beruht. Gewinner des Filmpodium-Filmbuff-Quiz 2019.

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Kommentare Total: 2

Conor

Echt witzig, echt, witzig. Aufrichtige Milieustudie mit Humor. Beeindruckend.

crs

Filmkritik: Rage against the Verwaltungs Machine

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