A Hologram for the King (2016)

A Hologram for the King (2016)

Ein Hologramm für den König
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  2. 97 Minuten

Filmkritik: Kafka in der Wüste

Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit.
Sandmann, lieber Sandmann, es ist noch nicht so weit.

«Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.» Einer der wohl prägnantesten Anfangssätze der Weltliteratur (aus Franz Kafkas "Der Process") könnte ebenso gut für die Geschichte Alan Clays (Tom Hanks) Pate stehen. Clay, ein energieloser, frustrierter Businessman, rutscht mehr oder weniger unversehens in einen Geschäftsauftrag, der ihn nach Saudi-Arabien führt. Er soll derjenige sein, der dem König höchstpersönlich eine spektakuläre IT-Technologie präsentieren darf.

Saudi-Arabien... man hört ja einiges, aber so übel wird's wohl nicht sein. Gesagt, getäuscht. Spätestens als sein Fahrer Yousef (Alexander Black) bereits am ersten Morgen sein Auto auf mögliche Sprengsätze untersucht, ist Clay nicht mehr wohl in seiner Haut. Aber zum Glück will man ihn ja nicht allzu lange hier behalten - und nochmals heisst es: gesagt, getäuscht. Als Clay an seinem Arbeitsplatz ankommt, sieht es nämlich gar nicht danach aus, als hätte man ihn sehnsüchtig erwartet.

Saudi-Arabien, ein Land im immensen Spannungsverhältnis von festgefahrenem Weltbild und emphatischem Fortschrittsdrang, erhält seine ganz eigene Kultur aufrecht. A Hologram for the King nimmt diesen kontrastreichen sozialen Puls in der Grossstadt Jiddah auf und kontrastiert ihn wiederum mit dem westlichen Geschäftsmann schlechthin. Daraus resultieren Effekte der kulturellen Verfremdung, die der Film charmant ausspielt und sich durchaus auch an Elementen der Epik Franz Kafkas bedient. Ergebnis ist ein anregendes Werk, das sich auch von einem uninspirierten Schlussteil nicht in den Sand setzen lässt.

In der Romanverfilmung von Dave Eggers' A Hologram for the King kreieren Tom Tykwer und Tom Hanks das, was sie in ihrer ersten Zusammenarbeit (Cloud Atlas) so furios ausgestalteten: die Fremdartigkeit des Vertrauten. Doch dieses Mal ohne Pathos, Pomp und Pauken, dafür mit viel Realitätssinn und gutem Handwerk (gedreht wurde in der Wüste). Hanks - gewohnt gut - fliegt als frustrierter und verhängter Geschäftsmann Alan Clay nach Jiddah - näher an Mekka heran kommt ein Nicht-Muslim kaum - und da sind es dann Banalitäten des Alltags, die in ihrer Normalität gebrochen werden und eine immense Bedeutung erlangen. Ein scheinbar alltäglicher Flug fällt eben dann aus dem Rahmen, wenn man der einzige an Bord ist, der nicht zur gegebenen Zeit betet, oder ein überhörter Wecker kann auf der arabischen Halbinsel schnell mal den Tod bedeuten.

Diese unfreiwillige Komik steht in allgegenwärtiger, knisternder Spannung mit dem Plot. Close-ups von Hanks' sorgenbefaltetem Gesicht erinnern auch immer wieder daran, dass die irgendwie witzige Sache eigentlich brutal ernst ist. Der perverse Mix der Kulturen mündet in einer kafkaesken Hilflosigkeit und ergiesst sich im Irrsinn des Paradoxes: Der amerikanische Geschäftsmann tritt mit Vollgas auf der Stelle. Dass er hin und wieder zuschauen darf, wie in der Wüste Sand gewischt wird, hilft ihm da auch nicht wirklich. Alan Clay erfährt die Verfremdung am eigenen Leib als Gefangener im Vakuum zwischen den Extremen östlicher Tradition und westlicher Moderne. Regisseur Tykwer sah sich vor allem von diesem "akuten Gegenwartsbezug" gereizt und setzt diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen mitunter grossartig in Szene.

Gegen Schluss gerät dem Comedy-Drama mächtig Sand ins Getriebe. Auf einen hochstehenden ersten Teil folgt eine lange, lahme Coda, in dem scheinbar alle kulturellen Konflikte gelöst werden. Clays Liebe zu einer emanzipierten, geschiedenen, einheimischen Ärztin (Sarita Choudhury) ist wenig überzeugend und der Film droht, in oberflächlichem Lamentieren zu versinken. A Hologram for the King navigiert in diesen Passagen zu offensichtlich in politische Fahrwasser, was dieser Film überhaupt nicht nötig hätte.

Tykwer wollte der "Islam-Paranoia" entgegenwirken und "Hoffnung streuen in einer Zeit, in der die beschriebenen Welten gerade wieder weiter auseinanderzuklaffen scheinen." Wohl hilft hier das Erkennen unüberbrückbarer kultureller Differenzen mittels eines versöhnlichen Lachens über den anderen und sich selbst mehr als die symbolische Vereinigung der westlichen und östlichen Welt mittels einer platt aufgepfropften Liebesgeschichte. Dieses Kapitel ist der einzige, wenngleich sehr bittere Wermutstropfen in einer grundsätzlich schönen, unterhaltsamen und geistreichen Produktion. Highlight bildet das fabelhafte Duo Tom Hanks/Alexander Black. Den beiden könnte man stundenlang zuschauen, wie sie mit dem Auto durch die Wüste tingeln.

/ arx

Kommentare Total: 2

brogli

Hat Tom Hanks eigentlich je in einem schlechten Film mitgespielt? Also ich kann mich jedenfalls an keinen erinnern, oder dann fand ich den wohl auch gut...;o)
Und so reiht sich nun auch "Ein Hologramm für den König" in die Liste seiner Filme ein, die mir ausgesprochen gut gefallen haben.

An sich habe ich erwartet im Vor- oder Abspann die Textzeile "Basierend auf einer wahren Begebenheit" zu lesen - aber die liebenswerte, komische, leicht schräge und ein ganz wenig dramatische Geschichte ist offenbar vollkommen frei erfunden. Dabei bleibt sie aber so realitätsnah, dass man es echt für möglich hält das sie sich so im realen Leben zugetragen haben könnte.

Von der Stimmung her hat mich "Ein Hologramm für den König" das eine oder andere Mal an "Lachsfischen im Jemen" erinnert, wobei er ohne grossen Kitsch auskommt. Und wie gesagt, ich mag es einfach Tom Hanks zuzusehen - hier hat er noch einen genialen Partner als Guide/Fahrer zur Seite, welcher sich immer wieder höchst amüsant in Szene zu setzen weiss. Für mich war's als Abwechslung zu den Blockbuster in letzter Zeit ein schöner ?kleiner? Feelgood-Movie zum Nachdenken und Geniessen.

arx

Filmkritik: Kafka in der Wüste

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