Gukôroku (2016)

Gukôroku (2016)

  1. 120 Minuten

Filmkritik: Bist du "in" oder bist du "out"?

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
Ich war in Tokyo Drift, schlag es nach!
Ich war in Tokyo Drift, schlag es nach! © Studio / Produzent

Tanaka (Satoshi Tsumabuki) arbeitet als investigativer Journalist gerade an einem nach einem Jahr immer noch ungelösten Fall einer brutal ermordeten, wohlhabenden Familie. Um die Gräueltat aufzuklären, führt der engagierte Reporter Interviews mit einem ehemaligen Geschäftskollegen des verstorbenen Familienoberhaupts und einer seiner (vielen) Exfreundinnen. Die Geschichten, die er zu hören bekommt, entsprechen nicht unbedingt seinen Vorstellungen des idealen Vaters und Ehemanns, den er zumindest gegen aussen verkörperte.

Nicht nur der schaurige Mordfall macht Tanaka zu schaffen. Seine Schwester Motsuko wurde inhaftiert, und die psychisch labile junge Frau kommt damit nur schlecht klar. Die Geschwister haben ein enges Verhältnis zueinander, und so ist ihre Verhaftung ein schwerer Schlag für ihren Bruder. Kann er unter diesen Umständen weiterhin konzentriert an seiner Story arbeiten, die immer mehr Überraschungen auf Lager hat?

Der Film ist mit seiner springenden Chronologie immer kurzweilig und fasziniert bis zum Schluss. Einer der Handlungsstränge ist einen Tick zu sehr Seifenoper, die weiblichen Figuren sind durch die Handlung bedingt etwas wenig emanzipiert, und eine Albtraumsequenz passt stilistisch gar nicht in den sonst klassisch inszenierten Film. Doch dieser überzeugt vor allem deshalb, weil er zwar Sozialkritik betreibt, sich dabei aber nicht davor schämt, das Publikum dabei auch noch in bester Krimimanier zu unterhalten.

Basierend auf dem gleichnamigen Roman aus dem Jahre 2006 ist der japanische Thriller Gukôroku (wörtlich: "Aufzeichnungen meiner Dummheit") voller gut gezeichneter Figuren und bietet immer wieder überraschende Wendungen. Doch nebst den Genre-Elementen beschäftigt er sich auch noch kritisch mit Intoleranz und Schichtgesellschaft.

Der Film ist das Spielfilmdebut des Japaners Kei Ishikawa, trägt aber bereits die Handschrift eines Routiniers. Mit seiner nicht-chronologischen Struktur folgt er dem Muster eines Krimis, bei dem der Zuschauer ein Puzzlespiel zusammensetzt. In diesem Falle geht es jedoch weniger darum, herauszufinden, wer der Mörder ist. Vielmehr geht es darum, das Opfer kennenzulernen, dessen Fassade mit jeder Rückblende ein Stück mehr abbröckelt. Dies ist immens spannend mitzuverfolgen und die Sympathien zu den Figuren verschieben sich immer wieder.

Ein westlichen Zuschauern wohl eher unbekanntes Darstellerensemble wurde bis in die kleinsten Rollen toll besetzt. Hie und da gibt es kleine Fehltritte, die den Gesamteindruck etwas abschwächen. Die Bruder-Schwester-Beziehung steht beispielsweise zu sehr im Hintergrund. Dies gehört aber auch zu einer cleveren Verwirrungstaktik, mit der man immer wieder abgelenkt und auf die falsche Fährte geführt wird. Gukôroku kann somit mit einem Zaubertrick verglichen werden, der zwar nicht grossartig ist, aber gekonnt vorgeführt wird und trotzdem eine vielschichtige Geschichte erzählt.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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