Grüsse aus Fukushima (2016)

Grüsse aus Fukushima (2016)

  1. 108 Minuten

Filmkritik: Memoirs of a Geisha

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Gekommen, um zu bleiben
Gekommen, um zu bleiben © filmcoopi

Die Deutsche Marie (Rosalie Thomass) reist nach ihrer geplatzten Hochzeit nach Fukushima, um dort für das Hilfsprojekt "Clowns4Help" zu arbeiten. Die Organisation bespasst in den Notunterkünfte die Überlebenden der Katastrophe von 2011. Schnell erkennt Marie, dass sie der Aufgabe nicht gewachsen ist und beschliesst, das Projekt abzubrechen. Doch anstatt nach Deutschland zurückzukehren, schliesst sie sich der alten Geisha Satomi (Kaori Momoi) an.

In der Sperrzone
In der Sperrzone © filmcoopi

Diese hat die Notunterkunft verlassen, um in die Sperrzone zurückgekehrt. Marie hilft Satomi dabei, ihr zerstörtes Haus wieder instandzusetzen. Zu zweit in der Einöde nähert sich das ungleiche Paar einander trotz kultureller Unterschiede an. Doch die Geister der Vergangenheit holen die beiden schon bald ein.

Doris Dörrie geht ihrer Faszination für Japan erneut in einem Spielfilm nach. In Schwarzweiss zeigt die Regisseurin die Realität fünf Jahre nach dem Tsunami. Die Dreharbeiten fanden zum Teil in echten Notunterkünften statt und zeichnen ein authentisches Bild von dem Leben nach der Katastrophe. Der Verlust von Kultur, Hab und Gut, geliebten Menschen ist greifbar. Zugleich erzählt Grüsse aus Fukushima die rührende Geschichte von zwei ungleichen Frauen, die einander Hoffnung geben.

Für den weltweit ersten Spielfilm, der von der Katastrophe in Fukushima handelt, hat Doris Dörrie sich ausgiebig mit den Menschen vor Ort auseinandergesetzt. Eindrücke und Erzählungen flossen in das Drehbuch ein. Die Anwohner der Notunterkünfte, vorwiegend alte Frauen, wurden in den Containern zurückgelassen. Die jungen Menschen sind geflüchtet. Das Leben dort ist öde, die Landschaft karg und von der Radioaktivität gezeichnet. Dörrie nutzt kräftige Bilder, um die Tragik der Situation aufzuzeigen. Der Anblick von kilometerlangen Bergen aus schwarzen Plastiksäcken, in denen verstrahlte Erde gelagert wird, ist abstossend und faszinierend zugleich.

Marie, die freiwillig ihr altes Leben hinter sich gelassen hat, steht Menschen gegenüber, die alles in den Fluten verloren haben. Stück für Stück bauen Satomi und Marie das Heim der Geisha wieder auf. Mit ihm kommen sprichwörtlich die Geister der Vergangenheit zurück. Dörrie zeigt hier eindrucksvoll, dass ein Mensch nie alles verliert. Etwas trägt er immer mit sich, positiv wie negativ. Die meiste Zeit sind die zwei Frauen auf sich alleine gestellt, da sich nur selten jemand in die Sperrzone verirrt. Dies wirkt jedoch nie eintönig, denn sowohl Marie als auch die Zuschauer können viel von Satomi lernen. An Marie kann die letzte Geisha der Stadt schliesslich ihr Wissen weitertragen. Satomi wird eine Art weiblicher Sensei für Marie.

Satomi wird von der japanischen Ikone Kaori Momoi gespielt, die einem internationalen Publikum aus Memoirs of a Geisha bekannt ist. Momoi präsentiert Satomi als eine Frau voller Anmut und Stolz, die zugleich eine schwere Schuld in sich trägt. Trotz ihrer Strenge öffnet Satomi sich langsam der jungen Deutschen, die ihrer eigenen Kultur so fern ist. Rosalie Thomass spielt die aufbrausende Marie, die mit Momois Disziplin inmitten des Chaos zunächst nichts anfangen kann. Mit der Zeit wächst Momoi Marie - und den Zuschauern - ans Herz. Und mit ihr die Überlebenden in den Containerdörfern, für die die Verwüstung noch immer bittere Realität ist.

Swantje Oppermann [swo]

Swantje ist seit 2013 Teil der OutNow-Crew. Zu ihren Lieblingen gehören «Jurassic Park», «When Harry Met Sally» und «Se7en». Bei «Titanic» muss sie noch heute heulen. Das Filmfestival Venedig liebt sie nicht nur wegen der Filme, sondern auch, weil dort der Aperol Spritz in rauen Mengen fliesst.

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Trailer Deutsch, 02:04