Der grosse Sommer (2016)

Der grosse Sommer (2016)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Ein Schwingerkönig im Land der Sumoringer

Hiro und sein Begleiter
Hiro und sein Begleiter © Impuls Pictures AG

Der ehemalige Schwingerkönig Anton Sommer (Mathias Gnädinger) lebt zurückgezogen in seiner kleinen Wohnung. Am liebsten vertreibt sich der Rentner seine Zeit mit dem Basteln von Flaschenschiffen. Doch wie soll man sich konzentrieren, wenn man ständig von den Nachbarn gestört wird? Denn der Junge Hiro (Loïc Sho Güntensperger), Enkel der Vermieterin (Monica Gubser), macht ständig Radau. Er träumt davon, ein grosser Sumoringer zu werden, wie sein Vater es war.

Auf geht's!
Auf geht's! © Impuls Pictures AG

Als Hiros Grossmutter unerwartet stirbt, bittet der 10-jährige Junge seinen Nachbarn, ihn nach Japan zu begleiten. Er möchte dieselbe Sumoschule besuchen, auf der auch schon sein Vater ausgebildet wurde. Anton Sommer ist von diesem Vorschlag überhaupt nicht begeistert und weist den Jungen und neuen Besitzer des Hauses zuerst zurück. Als dieser jedoch mit der Kündigung seiner Wohnung droht, willigt der Schwingerkönig schliesslich ein, und so beginnt für die beiden ein grosses Abenteuer.

Der grosse Sommer ist ein Feelgood-Movie mit wenig Tiefe und zwei Protagonisten, die leider nie so richtig ans Herz wachsen wollen. Handwerklich gut gemacht, überzeugt der Film inhaltlich nicht. Die vielen Klischees und die (für einen Schweizer Film) ungewöhnlich vielen schlechten Peniswitze können auch durch ernstere Augenblicke nicht gerettet werden. Trotzdem hat der Film durchaus seine guten Momente und kann Freunde von leichten, fröhlichen Filmen sicherlich beglücken.

In Der grosse Sommer unternimmt Stefan Jäger den Versuch, das schweizerische Ringen und das japanische Sumoringen zusammenzubringen - zumindest scheint dies auf den ersten Blick so. Denn eigentlich fokussiert er mehr auf die Beziehung der beiden Hauptfiguren, ihre Reise durch Japan und die Pseudo-Entwicklung von Anton Sommer. Pseudo-Entwicklung, weil sich der Protagonist nur geringfügig oder gar nicht verändert, sondern bloss die Reaktionen seiner Mitmenschen positiver werden. Wo tatsächlich eine Veränderung stattfindet, wie bei den Szenen auf der Überfahrt zur Insel, ist sie unglaubwürdig.

Allerdings scheint eine echte Entwicklung von Sommer auch gar nicht erwünscht. Aussagen wie "du cheibe Schlitzaug" werden dem alten Mann sofort verziehen und als blosse Schrulligkeit abgetan. Und wenn "das cheibe Schlitzaug" darauf mit "Scheiss-Schweizer" antwortet und alle in kollektives Gelächter ausbrechen dann ist die Welt für den Zuschauer in Ordnung.

Dieses systematische Herunterspielen von Alltagsrassismus ist nicht erst seit Qu'est-ce qu'on a fait au Bon Dieu? ein zuverlässiges Erfolgsrezept für Komödien. Denn dass in solchen Filmen oft nur alte Klischees und bekannte Witze aufgewärmt werden, scheint dem Lachen der Zuschauer keinen Abbruch zu tun. Im Gegenteil: Genau dann fühlt sich offenbar der Zuschauer wohl, wenn die eigenen Vorurteile zu harmlosen, kleinen Gags schrumpfen.

Gewiss sind die beiden Filme nicht zu vergleichen, und gewiss kommen solche Verunglimpfungen in Der grosse Sommer erheblich weniger häufig vor. Trotzdem hinterlässt dies einen faden Nachgeschmack. Matthias Gnädinger in seinem letzten, und Loïc Sho Güntensperger in seinem ersten Film können überzeugen.

Trotz allem scheint die Chemie zwischen den beiden Schauspielern beim Dreh gestimmt zu haben. Denn auch wenn die Witze oft nicht zünden und hauptsächlich um das Thema Penis kreisen, ist Der grosse Sommer ein Wohlfühlfilm. Familien, Kinder und Leute die Freude an Happy Ends haben, werden durchaus Gefallen an diesem Film finden, sofern sie die hervorgebrachte Kritik zum Alltagsrassismus (ob berechtigt oder nicht) nicht teilen.

/ asc

Kommentare Total: 2

Reptile

Unggle Toni? - stimmt's eigentli, dass alli Japaner chlieni Schnäbi hei?...

"Der grosse Sommer" mag zwar Mathias Gnädinger's letzter Film sein, aber als sein "Vermächtnis" würde ich dieses Machwerk, trotz "In Memorian" Widmung zu Beginn des Films, dennoch nicht ansehen. Diesbezüglich wird wohl oder übel "Sternenberg" in die Bresche springen müssen, meiner Meinung nach Gnädinger's bestes Werk.

Der Film hier ist zwar ganz nett und stellenweise auch recht witzig, aber muss ein 74-jähriger Mann vom Format eines Gnädinger, wirklich fast 10 Minuten lang Witze über japanische "Schnäbeli" reissen???.

Dieser gut gemeinte, aber doch etwas arg klischeehafte Running-Gag, hätte sich Regisseur Stefan Jäger ruhig sparen können, denn so wirkt die Geschichte stellenweise, als wäre das Drehbuch von einem 12-jährigen "Horny-Teen" verfasst worden.

Davon mal abgesehen, ist "Der grosse Sommer" recht gelungenes "Feel-Good" Kino, welches einem doch das eine oder andere mal ein heiteres Schmunzeln entlockt, sobald die beiden Hauptprotagonisten in Japan ankommen.

Die Existenz eines solchen "Japanisch zu Schwiizerdütsch" Übersetzungsdingsbums, darf zwar vehement bezweifelt werden, aber eine lustige Idee, fand ich's trotzdem.

Fazit: "Der grosse Sommer" lässt einem mit gemischten Gefühlen aus dem Kino. Einerseits ist der Film stellenweise sehr unterhaltsam, andererseits aber auch mit etwas zu vielen asiatischen Klischees behaftet und die Verbindung zwischen dem japanischen Sumo- und dem schweizerischen Ringen, auf die der Film abzuzielen versucht, funktioniert meiner Meinung nach auch nur bedingt.

Der Film hat mir gefallen, aber auf Blu-Ray/DVD, würde ich ihn trotzdem nicht kaufen. 3.5 OutNow-Sterne, zu mehr reicht es dem grossen Sommer, trotz eines munter aufspielenden Mathias Gnädinger, (mit leicht sichtbaren Gehbeschwerden) leider nicht.

asc

Filmkritik: Ein Schwingerkönig im Land der Sumoringer

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