Godless (2016)

Godless (2016)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Spitex-Gram

69° Festival del film Locarno 2016
Kopf hoch!
Kopf hoch! © Studio / Produzent

Gana (Irena Ivanova) ist Altenpflegerin in der bulgarischen Provinz. Sie klaut ihren Patienten die Identitätskarten, welche dann von ihrem Freund verhökert werden, um damit Scheinfirmen für Geldwäsche zu gründen. Ganas Leben ist ziemlich trostlos. Sie ist entfremdet von ihrer Mutter und mit dem Freund verbindet sie eigentlich nur noch die gemeinsame Morphiumsucht. Als sie mit Yoan (Ivan Nalbatov) einen neuen Patienten bekommt, der einen Chor leitet, ist sie fasziniert von den schönen Kirchengesängen.

Blick voraus!
Blick voraus! © Studio / Produzent

Sie freundet sich mit Yoan an, öffnet sich ihm und verbringt auch Freizeit mit ihn. Umso bestürzter ist sie, als Yoan von der Polizei in Gewahrsam genommen wird wegen Betrugs. Auch seine ID ist bei der Mafia gelandet und für krumme Dinge benutzt worden. Anders als Ganas senilere Patienten wehrt sich Yoan aber gegen die Ungerechtigkeit. Was zu üblen Konsequenzen führt, auch für Gana, die das Spiel nicht länger mitmachen will.

Godless ist Depro-Kino der ersten Güteklasse. Wer sich auf die miese Stimmung des Films einlässt und all seine Grautöne Grautöne sein lässt, erkennt doch Hoffnung, dass die Welt nicht so gottlos ist, wie es der Titel vermuten lässt. Man sei aber gewarnt, fröhlich ist das Gebotene im Film von Ralitza Petrova auf keinen Fall.

Depressiver kann ein Settung wohl nicht sein. Bulgarische Provinz im Winter. Alles ist grau, der Schneematsch dominiert die Szenerie. Gana als Hauptfigur lässt sich gehen, ist ständig schlecht gelaunt und geht ihm gefütterten Parka einem undankbaren Job nach. Im Verlauf des Films stellt sich heraus, dass sie als Kind missbraucht wurde, drogenabhängig ist und in liebloser Beziehung zum Freund und der Mutter steht. So weit, so schlecht.

Und dabei ist der eigentliche Trigger der Story, die Verhökerung von IDs von Senioren, die nichts mehr merken und sich nicht wehren können, noch gar nicht erwähnt. Beim trostlosen Solianka-Schlürfen mit ihrem Freund kommt da auch mal zur Sprache, dass aus Versehen eine Oma ums Leben kam, der man nur einen kleinen Schreck einjagen wollte. Die Polizei, vertreten durch einen Veteran mit dreissig Dienstjahren, steckt sowieso mit drin, und die Justiz wird mit Huren ruhig gestellt. Es ist ein Teufelskreis, der die ehemaligen Opfer des Kommunismus auch in der neuen Zeitrechnung umschliesst.

Das kann man klischiertes Ost-europäisches Problemkino nennen. Gerne im 4:3 Format gedreht, das die gepeinigt, angeödeten Visagen noch näher ranholt und keine andere Wahl lässt als mitzufühlen. Aber nur so gelingt dem Film, die Stimmung zu vermitteln, bei der sogar Orangenschälen zur Qual wird - zu anstrengend, um zu Ende zu führen, wie das Gana einmal tut. Eine mysteriöse Klammer vor und nach dem Film zeigt, das der Strudel ins Elend noch weiter zieht, straft aber gleichzeitig eine Nebenfigur ab, so dass trotzdem an eine schicksalshafte Fügung geglaubt werden kann. Alles andere wäre des Depressiven wohl zu viel.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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