Gleissendes Glück (2016)

Gleissendes Glück (2016)

  1. 101 Minuten

Filmkritik: Die Suche nach dem Gluck

12. Zurich Film Festival 2016
Kann Helene irgendwann wieder lachen?
Kann Helene irgendwann wieder lachen? © Studio / Produzent

Helene (Martina Gedeck) hat Schlafstörungen. Während sich andere in der Nacht aufs Ohr legen, bereitet sie schon das Frühstück für ihren Mann Christoph (Johannes Krisch) vor und sieht fern oder hört Radio. Dass sie von Christoph nicht nur verbal, sondern auch physisch angegriffen wird, verbessert ihren Zustand nicht wirklich. Früher gab ihr der Glaube an Gott noch Kraft, den Alltag zu meistern. Diesen Glauben hat sie aber mittlerweile verloren.

Anders gesagt: Helene ist unglücklich und kraftlos. Erst als sie einen Radiobericht des Glückforschers und Kybernetikers Eduard E. Gluck (Ulrich Tukur) hört, schöpft sie wieder Hoffnung. Sie liest sein Buch zum Thema Glück. Anschliessend fängt sie ihn nach einer Konferenz ab und die beiden verabreden sich zum Abendessen. Helene weckt Professor Glucks Interesse. Die beiden verbringen mehrere Tage gemeinsam. Mit der Zeit stellt sich heraus, dass nicht nur Helene einen schweren Rucksack schultert. Menschliche Abgründe tun sich auf.

Sven Toddicken gelingt es, eine Liebesgeschichte zu erzählen, die so gar nicht hollywoodmässig daherkommt. Er verzichtet komplett auf Kitsch, traut sich dafür, menschliche Abgründe direkt anzusprechen und sogar zu visualisieren. Jeder Mensch trägt Ballast mit sich. Gleissendes Glück zeigt, dass gegenseitige Liebe den Rucksack massiv erleichtern kann.

Gleissendes Glück ist ein minimalistischer Film. Dies aber in einem sehr positiven Sinne. Im Grunde genommen besteht der Film aus den drei Hauptdarstellern und deren darstellerischen Fähigkeiten. Martina Gedeck beispielsweise: Sie schafft es, alle emotionalen Höhen und Tiefen allein durch ihren Mund und die damit einhergehenden Muskeln auszudrücken. Kulissen bräuchte der Film kaum, da der Ort der Handlung relativ egal ist. Allein das Bett Helenes hat einen Symbolcharakter: In ihrem Ehebett kann sie nicht schlafen, kaum ist sie in einem Hotel beziehungsweise weg von ihrem Mann, schläft sie wie ein Faultier. Um zu zeigen, dass sie unglücklich ist, bräuchte es somit gar keine Gewaltszenen seitens ihres Mannes.

Diese Szenen stellt Sven Toddicken genau so dar, wie sie sind: Brutal, hinterhältig und vor allem unnötig. Sowieso nimmt der Regisseur kein Blatt vor die Linse und spricht auch ein Thema an, das bisweilen noch nicht häufig den Weg auf die Leinwand gefunden hat: Paraphilie, also sexuelle Vorlieben, die von der Norm abweichen. Schnell wird klar, wie sehr paraphile Menschen daran leiden und versuchen, dagegen anzukommen. Auch Angehörige benötigen viel Kraft, Geduld und Ausdauer.

Dass Gleissendes Glück so direkt und schonungslos ehrlich daherkommt, gefällt womöglich nicht jedem. Vor allem die Gewaltszenen, die zwar selten sind, lassen einen mit Helene mitleiden. Auch die Nennung einiger eventuell verstörender sexuellen Fantasien kann irritieren. Wer sich im Kino lieber leichte Filme zum Entspannen ansieht, ist bei diesem Liebesfilm fehl am Platz. Zartfühligen Kinogängerinnen und Kinogängern sei somit empfohlen, eine starke Hand zum Festhalten in den Film mitzunehmen.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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