The Girl on the Train (2016)

The Girl on the Train (2016)

Girl on the Train
  1. ,
  2. 112 Minuten

Filmkritik: Wenn der Kinderwunsch zum Albtraum wird

Einer geht noch, einer geht noch rein.
Einer geht noch, einer geht noch rein. © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Rachel (Emily Blunt) und Tom (Justin Theroux) Watson möchten eine Familie gründen. Sie versuchen es mit künstlicher Befruchtung. Auch hier haben sie keinen Erfolg. Und einen weiteren Versuch können sie sich nicht leisten. Vor allem für Rachel bricht eine Welt zusammen. Nur zwei Dinge geben ihr Trost, beziehungsweise lenken sie einigermassen ab: das Zeichnen und der Alkohol. Letzterer begleitet sie den ganzen Tag. Sogar auf der Zugfahrt zu ihrer vermeintlichen Arbeit saugt sie den Alkohol in sich auf.

"Oder die da?" - "Nein, freitags ist sie nie da."
"Oder die da?" - "Nein, freitags ist sie nie da." © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Bei ihrem Mann Tom sieht es etwas anders aus. Nachdem die Ehe mit Rachel gescheitert ist, findet er eine neue Frau, Anna (Rebecca Ferguson). Zusammen haben sie sogar ein Kind, sehr zum Unwillen Rachels. Anscheinend kann sie nicht wirklich mit ihrem Ex-Mann abschliessen, so dass sie ihn sowohl telefonisch wie auch bei ihm Zuhause terrorisiert. Doch dann verschwindet eines Tages die ehemalige Babysitterin von Toms und Annas Kind spurlos. Der letzte Ort, an dem sie gesehen wurde, war ein Tunnel. Und genau bei diesem befand sich Rachel ebenfalls am Tag des Verschwindens.

Ohne Zweifel bietet The Girl on the Train eine spannende Kriminalgeschichte, die an den Kinosessel fesselt: Ein vermeintliches Verbrechen und eine Verdächtige ohne Alibi stellen nur zwei der vielen Merkmale einer Kriminalgeschichte dar. Leider gelingt es Regisseur Tate Taylor nicht, den bitteren Nachgeschmack einer Seifenoper zu entfernen. Wie in einer solchen scheint es, als ob bereits alle möglichen Nachbarn miteinander geschlafen und eine gemeinsame Vergangenheit haben. Wobei dies vermutlich dem Plot und nicht Taylor zu verdanken ist. Und eine Seifenoper ist selten so spannend wie dieser Film.

Ob man am Bahnhof auf den Zug wartet, auf der Arbeit oder bei einem Spaziergang in der Stadt, überall sind andere Menschen. Selbstverständlich haben diese auch ein Privatleben. Und hört man beispielsweise ein frisch verliebtes Paar im Zug streiten, ist das eigene Kopfkino schnell aktiviert: Weshalb kam es zu diesem Streit? Ist er vielleicht fremdgegangen? Hat sie ihm etwas verheimlicht? Obwohl man als Zuschauer einer solchen Szene im realen Leben über wenige Informationen verfügt, stellen sich in der eigenen Vorstellungen schnell Vermutungen darüber ein, was davor geschehen war. Das Problem an diesem Verhalten besteht darin, dass voreilig Schlüsse gezogen und betroffene Personen so anders behandelt werden könnten.

The Girl on the Train spielt genau mit diesem Problem, und das auf mehreren Ebenen. Nicht nur Rachel, die aus dem Zug heraus eine gewisse Situation beobachtet und Schlüsse daraus zieht, sondern auch die neue Frau ihres Ex-Mannes und viele weitere Figuren reimen sich aus einzelnen Bildern etwas zusammen, ohne triftige Gründe dafür zu haben. Dies führt zum einen oder anderen Konflikt. Das Problem betrifft aber auch die Kinobesucher. Der Spannung halber verzichtet der Film darauf, von Beginn an zu viel zu berichten, so dass die Zuschauer ebenfalls aus wenigen Teilen ein komplettes Puzzle machen müssen. Doch die passenden Puzzleteile scheinen sich ständig zu verändern. Erst ganz am Schluss gelingt es, das Puzzle zu beenden.

Doch nicht nur die Spannung macht aus einem Film einen guten Film. Auch die beschriebene Szenerie sollte, auf welche Art auch immer, positiv auffallend sein. Hier scheitert The Girl on the Train. Wer sich regelmässig Seifenopern ansieht, durchschaut das Drehbuch ebendieser ziemlich rasch: Er küsst sie, sie schläft mit ihrem Nachbarn, dessen Frau schläft wiederum mit dem erstgenannten Mann et cetera. Tate Taylor gelingt es nicht, diesen Hauch von Seifenoper aus dem Film zu kriegen. Fairerweise sei gesagt, dass eine Seifenoper kaum jemals so spannend erzählt wird.

Für diese Spannung ist nicht zuletzt Emily Blunt verantwortlich. Ihre Darstellung der Rachel überzeugt auf ganzer Linie, vor allem aufgrund der Abwechslung: In einem Moment möchte man ihr am liebsten den Alkohol wegnehmen, die Tränen abwischen und sie in den Arm nehmen. Doch bereits im nächsten Augenblick wirkt sie aufgrund ihrer obsessiven Entschlossenheit, die sie allein mit ihrer Mimik beängstigend gut hinkriegt, einschüchternd und zu allem bereit. Ganz anders Justin Theroux, der von Beginn an den fürsorglichen und netten Ex-Mann Tom spielt und so den idealen Traum einer jeden Schwiegermutter verkörpert. Teilweise wirkt seine Darstellung etwas überspitzt und dementsprechend unglaubwürdig, passt aber letztlich zum Verlauf der Ereignisse.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

  1. Artikel
  2. Profil

Kommentare Total: 3

andycolette

Super spannend und Crazy Emily blunt Hammer Performance!!!!!! Super Thriller!!!!!

woc

Bin sehr gespannt auf den Film, weil ich den Roman absolut toll fand! Aber schon der erste Trailer hat meiner Meinung nach zuviel verraten. Mir hat die Story besonders gefallen, weil ich einfach keine Ahnung hatte, was als nächstes passiert. Ich hoffe, man konnte Emily Blunt noch etwas "dirtier" machen, denn die Figur der Rachel muss so sein...

abt

Filmkritik: Wenn der Kinderwunsch zum Albtraum wird

Kommentar schreiben