Genius (2016)

Genius (2016)

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  3. 104 Minuten

Filmkritik: Fast wie Vater und Sohn

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Die Klugen aus dem Zuge.
Die Klugen aus dem Zuge. © Studio / Produzent

Im New York der späten Zwanzigerjahre ist Max Perkins (Colin Firth) Lektor im Verlagshaus Scribner's Sons. Er betreut zukünftige grosse Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald (Guy Pearce). Auf Bitte eines Bekannten hin schaut er in die ersten Seiten eines mehr als 1000 Seiten umfassenden Manuskripts eines bisher unbekannten und überall abgelehnten Schriftstellers. Er zeigt sich von dem wilden und unorganisiert wirkenden Manuskript von Thomas Wolfe (Jude Law) angetan und nimmt den Mann unter Vertrag. Perkins ist der Meinung, in dem jungen Wolfe ein literarisches Genie gefunden zu haben. Harte Zeiten des Redigierens folgen, bis der erste Roman erscheint und zum Erfolg wird.

Durch die tägliche enge Zusammenarbeit entsteht eine besondere Freundschaft zwischen den Männern, die bei den Ehefrauen auf völlig unterschiedliche Reaktionen stösst. Während Wolfes Frau Aline Bernstein (Nicole Kidman) eher Eifersucht entwickelt, zeigt sich Louise Perkins (Laura Linney) zunächst erstaunlich verständnisvoll.

Genius erzählt von der engen Freundschaft zwischen dem Lektor Max Perkins und dem Schriftsteller Thomas Wolfe. Viel Kraft gewinnt der Film durch die starken Rededuelle der beiden Männer und deren Ernsthaftigkeit. Eingebettet in die Kulisse des New York der 1920 ist das Drama damit auch atmosphärisch eine Freude.

Ein Mann unter Frauen, das ist Max Perkins, der bei jeder Geburt auf einen Jungen gehofft hat. Das Schicksal meinte es anders mit ihm, und umso verständlicher wird es, dass er in dem jungen Thomas Wolfe eine Art Sohnersatz findet. Es geht in diesem Film aber nicht allein um die besondere Freundschaft der beiden Männer zueinander, sondern vielmehr wirft er die Frage auf, was einen Menschen eigentlich zum Genie macht.

Genius basiert auf A. Scott Bergs Biografie «Max Perkins: Editor of Genius», die durch den Drehbuchautor John Logan (Skyfall) adaptiert wurde. Der Londoner Theaterregisseur Michael Grandage gibt mit dem Film sein Spielfilmdebüt. Im Laufe des Films wird deutlich, dass nicht nur Thomas Wolfe ein Genie in literarischer Hinsicht ist, sondern auch sein Lektor Perkins. Ohne den Feinschliff, die zahlreichen Anmerkungen oder Hinweise auf Kürzungen würde das Buch in seiner finalen Fassung nie erscheinen. Ohne Verleger oder Lektor würde kein Schriftsteller zum Erfolg geführt werden können. Manchmal scheitert aber auch der beste Lektor wie im Fall von F. Scott Fitzgerald, der nach grossem Erfolg durch private Probleme an einer Art Schreibblockade zu leiden beginnt.

Das ist die eine Seite, die Genius erzählt, die andere handelt von der Freundschaft unter Männern. Jude Law und Colin Firth geben quasi das perfekte Paar ab, beide harmonieren wunderbar miteinander, finden ihre grössten Stärken in den langen Gesprächen und Diskussionen und können ihren Figuren viel Kraft und Charakter verleihen. Neben den beiden Männern bleiben die Nebenrollen fast ein bisschen blass, obgleich sie fast genauso interessant sind. Sowohl Louise als auch Aline verändern sich durch die enge Freundschaft der Männer. Während sich Aline zurecht zunehmend vernachlässigt fühlt und hohe Eifersucht gegenüber Perkins entwickelt, zeigt sich Louise zunächst voller Verständnis, sieht dann aber auch die Familie zunehmend unter der Bindung leidend. Denn Perkins hat kaum noch Zeit für Frau und Kinder.

Es macht Spass, diesen Film anzuschauen. Das liegt nicht nur an der tollen Zeit der Zwanzigerjahre in New York und den tollen Darstellern, sondern vor allem an den klugen Dialogen. Die kurzen und langen Rededuelle sprühen vor Witz und sind geistreich, aber auch die ernsthafteren Gespräche sind interessant und zeigen, wie sich die beiden Männer im Laufe der Zeit verändern.

Genius erzählt auf ansprechende Weise vom Aufstieg und Fall des Schriftstellerdaseins und einer besonderen Männerfreundschaft. Kluge Dialoge und eine fast nur in Räumen angelegte Handlung machen das Spielfilmdebüt zu einem unterhaltsamen, warmen und geistreichen Erlebnis.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Trailer Englisch, 02:29