Fuocoammare (2016)

Fuocoammare (2016)

Seefeuer
  1. ,
  2. 114 Minuten

Filmkritik: Feuer auf See

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Aye aye Captain.
Aye aye Captain. © Xenix Films

Der zwölfjährige Samuele (Samuele Pucillo) lebt auf der Mittelmeerinsel Lampedusa. Statt in die Schule zu gehen, verbringt er seine Zeit lieber in der Natur auf der Suche nach dem perfekten Stück Ast für seine Schleuder. Er streift viel im Hafen umher, erkundet mit einem Freund heruntergekommene Häuser oder klettert am Ufer herum.

The Rock
The Rock © Xenix Films

Er lebt mit seinen Grosseltern und seinem Vater zusammen, der als Fischer die Familie ernährt. Ein Radiomoderator sorgt derweil mit dem einzigen Sender der Insel für Unterhaltung und nimmt die Liederwünsche der Bewohner entgegen. Dem normalen Alltag der Inselbewohner entgeht nicht die Tragik, die sich tagtäglich im Meer vor ihrer Insel abspielt. Hunderte Flüchtlinge werden fast täglich durch die Marine aufgegriffen und aus sinkenden Rettungsbooten gerettet. Bei Wind und Wetter begeben sich die Rettungskräfte in Gefahr. Ein Krankenhausarzt schildert die Probleme, die er mit den erschöpften und oftmals kranken Flüchtlingen zu bewältigen hat.

Gianfranco Rosis Dokumentation über die Flüchtlingskrise vor Lampedusa gibt einen Einblick in zwei Welten. Zum einen wird das idyllische Leben der Inselbewohner beleuchtet, dagegen steht das Elend und Grauen, welches sich auf dem Meer abspielt. Der eindringliche Film arbeitet mit drastischen Bildern, ist aufrüttelnd und beleuchtet zudem ein enorm wichtiges und aktuelles Thema.

«Fuocoammare» bedeutet Feuer auf See und ist nicht nur der Titel eines Liedes, welches sich Samueles Oma im Radio wünscht, sondern auch bezeichnend für die dramatischen Ereignisse in den Gewässern vor Lampedusa. Die italienische Insel im Mittelmeer liegt etwa 70 Meilen von der Küste Nordafrikas entfernt. In den letzten zwei Jahrzehnten erlebte die Insel eine wahre Flüchtlingsschwemme. Mehr als 400'000 Menschen flüchteten von der nordafrikanischen Küste aus mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, mehr als 15'000 starben dabei.

Der Regisseur Gianfranco Rosi, der 2013 in Venedig mit Sacro GRA den ersten Goldenen Löwen für einen Dokumentarfilm erhielt, übernahm bei Fuocoammare auch die Position des Autors, Kameramannes und Tontechnikers.

Sein Film beginnt fast banal, zeigt idyllische Szenen vom Alltag der Inselbewohner, schwerpunktmässig des Jungen Samuele. Man erhält dadurch einen kleinen Einblick in das Leben auf der Insel. Zunächst geht es vornehmlich um die Bewohner vor Ort, bevor er sich den Flüchtlingen und deren Situation auf der Insel zuwendet. Dem tagtäglichen Inselgeschehen setzt Rosi dann die Bilder Flüchtender gegenüber. Verzweifelte Notrufe, die bei der Küstenwache eingehen, die Suche der Marine nach den Booten, die Rettung der Menschen, aber auch das Leid und die Verzweiflung. Schonungslos und drastisch sehen wir dehydrierte Menschen, Leichen, Männer, Frauen und Kinder in viel zu kleinen überfüllten Booten, Angst und Verzweiflung, Ungewissheit in den Gesichtern der Menschen.

Einzelschicksale werden nicht hervorgehoben, Rosi zeigt die Flüchtlinge als ein grosses Ganzes. Sie versuchen mit Gesängen von ihrem Leid zu erzählen, von der Flucht durch die Sahara nach Libyen, wo sie keine Hilfe erwarten konnten bis zum letzten Ausweg auf das Meer. Der Arzt auf Lampedusa unterstreicht die ohnehin schon schweren Bilder mit präziseren Schilderungen von Verletzten, von schweren Brandwunden durch austretenden Diesel oder von Frauen, die auf hoher See gebären und kurz danach sterben. Er macht die Hilflosigkeit ob der schier nicht enden wollenden Flut an Flüchtigen noch deutlicher.

Gianfranco Rosis Anliegen ist es, eine Tragödie zu schildern, die sich vor unser aller Augen abspielt. Er beschreibt in seinem Film, der völlig ohne Kommentar auskommt, wie zwei völlig verschiedene Welten aufeinanderprallen. Der idyllischen Ruhe auf der Insel setzt er die Katastrophe entgegen, die sich täglich abspielt. Schön wäre es dabei gewesen, wenn er die persönliche Nähe, mit der er die Inselbewohner betrachtet, auch auf die Flüchtlinge ausgeweitet hätte. Gerne wüsste man, wie es mit ihrem Schicksal nach oder auf Lampedusa weitergeht. Man wünscht sich auch eine Stellungnahme der Inselbewohner zu dem Geschehen vor ihrer Haustür, denn so idyllisch kann das Leben mit dem täglichen Elend vor der Nase nicht sein.

Fuocoammare ist ein eindringlicher Film, nachwirkend, Fragen aufwerfend, drastisch in den Bildern, wichtig und vor allem aufrüttelnd.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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Trailer Italienisch, 01:18