La fille inconnue (2016)

La fille inconnue (2016)

  1. ,
  2. 113 Minuten

Filmkritik: Der Name tut eben doch was zur Sache

69e Festival de Cannes 2016
Schon verrückt. Sogar telefonieren kann man mit dem Ding.
Schon verrückt. Sogar telefonieren kann man mit dem Ding. © Xenix Films

Die junge Ärztin Jenny (Adèle Haenel) hat gerade die langersehnte Beförderung zur Oberärztin erhalten, als sie ein tragisches Ereignis aus der Bahn wirft: Nach Feierabend klingelt es in der Praxis, worauf sie ihren Unterassistenten Julien (Olivier Bonnaud) anweist, die Türe nicht zu öffnen. Schliesslich gibt es Öffnungszeiten, und diese sind zu respektieren. Am nächsten Morgen erfährt Jenny von der Polizei, dass es sich dabei um eine junge dunkelhäutige Frau gehandelt hat, die später tot beim Fluss aufgefunden worden ist. Deren Identität ist unbekannt.

"Oh, du bist auch bei Tinder...?!"
"Oh, du bist auch bei Tinder...?!" © Xenix Films

Geplagt von Schuldgefühlen, beginnt sie, auf eigene Faust in ihrer Bekanntschaft und bei ihren Patienten rumzufragen, ob sie den Namen des toten Mädchens kennen. Doch sie stösst dabei auf Granit. Einer ihrer Patienten, der Teenager Bryan (Louka Minnelli), scheint etwas zu wissen, will aber nicht damit herausrücken. Jenny bleibt beharrlich, auch als Bryans Vater (Jérémie Renier) sie eindringlich bittet, seinen Jungen endlich in Ruhe zu lassen.

Da weiss man, was man hat: Die belgischen Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne sind seit Jahren Garanten für solides Arthouse-Kino. Sie enttäuschen auch hier nicht. Allerdings funktioniert ihr Film besser als Drama denn als Krimi. Denn während die Suche nach der Identität des toten Mädchens sensibel und überzeugend inszeniert ist, fällt der Nebenplot durch eine Holzhammer-artige Auflösung ab. So kann La fille inconnue das Niveau seiner Vorgänger nicht ganz halten, gleichwohl bewegt der Film gerade dank seiner nüchternen und unsentimentalen Erzählweise.

Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen, die mit einer Toten beginnen, geht es in La fille inconnue nicht in erster Linie um die Identität des Täters, sondern vielmehr um diejenige des Opfers. Dieses soll für die von Schuldgefühlen geplagte Protagonistin Jenny nicht einfach ein weiteres unidentifiziertes totes Flüchtlingsmädchen bleiben, das irgendwo still und heimlich beerdigt wird. Jennys Suche nach dem Namen der jungen Frau ist so auch ein Kampf um deren menschliche Würde.

Dieser Fokus auf das Opfer ist ein sehr schöner Einfall, der auch eine gewisse sozialkritische Komponente mitbringt, bedenkt man, wie wenig sich Medien und Öffentlichkeit häufig für Mordopfer interessieren - insbesondere, wenn es sich dabei um "namenlose" Flüchtlinge handelt - und sich stattdessen auf die Täter stürzen. Allerdings wird diese Linie nicht ganz konsequent durchgezogen. Denn gegen Ende mutiert der Film der belgischen Dardenne-Brüder doch noch zum Whodunit.

Und da verlassen die bewährten Arthouse-Spezialisten ihr gewohntes Terrain. Die eingebaute Krimistory ist holprig, wenig glaubhaft und am Schluss auch arg überdramatisiert. Ob dies nun ein Zugeständnis an Produzentenwünsche ist oder ob die Dardennes selbst insgeheim schon immer mal einen Krimi drehen wollten - jedenfalls hätte La fille inconnue vermutlich stärker gewirkt, wenn Täter und Tathergang bis am Ende unbekannt geblieben wären.

Dabei hätte der Film solche Spannungselemente gar nicht nötig - verfügt er doch nach Marion Cotillard im Vorgänger Deux jours, une nuit wiederum über eine starke Frauenfigur, die den Film zu tragen vermag. Diesmal ist es Adèle Haenel, die der Protagonistin ein Gesicht gibt. Die aus Les combattants bekannte Mimin spielt die schuldgeplagte Ärztin feinfühlig und mit der nötigen Zurückhaltung. Haenels Co-Hauptdarsteller Jérémie Rénier - dank seinen Auftritten in L'enfant, Le silence de Lorna und Le gamin au vélo ein alter Bekannter im Dardenne-Universum - kann hingegen diesmal weniger überzeugen, was aber auch am seltsamen Charakter liegt, der ihm hier auf den Leib geschrieben wurde.

Da haben die Spezialisten für gute Charakterzeichnung für einmal danebengegriffen zugunsten von Suspense, die allerdings auch nicht richtig funktioniert. Ein Hitchcock ist an den beiden Brüdern also noch nicht verlorengegangen - doch unprätentiöse, schöne kleine Dramen inszenieren, das können sie weiterhin bestens.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd

Trailer Französisch, mit deutschen Untertitel, 01:42