Europe, She Loves (2016)

Europe, She Loves (2016)

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  2. 100 Minuten

Filmkritik: Rammeln am Rande Europas

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Nackt beim Akt.
Nackt beim Akt. © Studio / Produzent

Ein Kontinent - vier Paare. In Städten an den Rändern Europas leben junge Menschen und pflegen ihre Mann-Frau-Beziehungen. In Tallinn, der Hauptstadt Estlands, tanzt Veronika nächtelang als leicht bekleidetes Gogo-Girl in Discos. Tagsüber lebt sie mit ihrem Sohn Artur aus einer früheren Beziehung und dem neuen Lebensabschnittspartner Harri das traute Familiendasein inklusive Baby. Im irischen Dublin hat die Heroinsucht Terry und Siobhan zusammengebracht. Er sifft wegen seiner Drogenvergangenheit vor dem PC, während seine Freundin versucht, ihn clean zu halten.

Ganz frisch ist die Liebe bei Juan und Caro im andalusischen Sevilla. Dort ist vor allem Kuscheln angesagt. Mit weniger körperliche Nähe muss bald die Beziehung zwischen Penny und Niko in Thessaloniki in Griechenland auskommen. Penny sucht Arbeit in Italien und wird wohl bald dorthin ziehen.

Jan Gassmann war einer der Fahnenträger des Multi-Regie-Projekts Heimatland. Der Film mit der bedrohlichen Wolke über der Eidgenossenschaft, der in Locarno 2015 Weltpremiere feierte, brachte zehn schweizerische Filmschaffende zum Sinnieren über die eigene Nation zusammen. Mit Europe, She Loves ging der Zürcher in seinem nächsten Projekt in eine ganz andere Richtung: Mit Kleinst-Crew und so weit weg von daheim wie möglich absolvierte er eine 20'000-kilometrige Reise durch Europa für sehr private Paar-Portraits. Das war logistisch sicher nicht einfach. Doch trotz bewundernswert offenen Protagonisten bleibt aber die Frage nach dem Warum.

Berlin, Paris, Barcelona - die kultigen Grossstädte kennt man zu Genüge. Aber was geht eigentlich an den Rändern der EU gerade ab? Mt Sevilla, Dublin, Tallinn, Thessaloniki und Zagreb, das im finalen Film schliesslich nicht mehr vorkommen durfte, haben Jan Gassmann und sein Kameramann Ramon Giger sich für Rand-Metropolen entschieden - quasi die Agglo des Kontinents. Kein schlechter Schachzug. Um ein geographisches Gebiet zu verstehen, hilft der zentrumsferne Blick auf die Ränder. Mehr Trimbach statt Paradeplatz sozusagen.

Die vier ausgesuchten Paare sind allesamt jung, unkompliziert und ansehlich. Man ähnelt sich - trotz massiver räumlicher Distanz. Vollgestellte Wohnungen, egal ob beim Junkie-Paar oder der Studi-WG, widerlegen die vielbeschworene Vielfalt des Kontinents. Der Billig-Vermöbler aus Schweden ist omnipräsent. Vor dieser Kulisse, die Gassmann mit Kameramann tagelang belegt haben muss, spielen sich Banalitäten ab. Die Möglichkeit eines inszenatorischen Eingreifens war schon dadurch genommen, dass der Autor der Sprache seiner Darsteller zumindest in Teilen nicht mächtig war. Wer spricht denn schon Estnisch?

So wechselt man hin und her von der Arbeitssuche in Sevilla über den Fernsehabend in Estland zur Vespa-Fahrstunde auf den Strassen Griechenlands. Dazwischen ziehen europäische Landschaften vorbei, unterlegt mit sphärischen Klängen und Nachrichten-Soundbites zur politischen Lage. Die Arbeiterparteien verlieren. Die Rechte ist auf dem Vormarsch. Direkte Auswirkungen auf das Leben der Protagonisten hat dies nur am Rande. Alles wirkt etwas beliebig - zwischen user-generierter Pornographie und Paar-Knatsch auf Video. YouTube und seine versauteren Schwester-Portale bieten Ähnliches zur Genüge. Wenn auch nicht so toll gefilmt.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Trailer Englisch, mit deutschen Untertitel, 01:59