Elle (2016)

Elle (2016)

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  3. 130 Minuten

Filmkritik: Starship Huppert

69e Festival de Cannes 2016
Alles für die Katz
Alles für die Katz

Michèle (Isabelle Huppert) ist knallhart - egal ob ihm Beruf als Chefin einer Videospielfirma, im Liebesleben oder mit ihren Verwandten und Bekannten. Sie weiss, was sie will und lässt sich so leicht durch nichts erschüttern. Als sie eines Tages ihre Katze ins Haus lässt, nutzt dies ein vermummter Angreifer aus. Er wirft Michèle zu Boden, vergewaltigt sie und verschwindet danach umgehend. Anstatt an dieser Tat nun zu zerbrechen, geht Michèle ganz normal ihrem Alltag nach. Denn Schwäche zeigen ist nicht ihr Ding.

I shot you down, bang-bang
I shot you down, bang-bang

Zur Polizei gehen ist für sie weiter kein Thema. Ihr Vater hat in den Siebzigern mehrere Kinder getötet und so bringen Gesetzeshüter bei Michèle nur schlechte Erinnerungen hervor. Eines Abends erhält Michèle unheimliche Nachrichten auf ihr Smartphone, die direkt auf die Vergewaltigung anspielen. Der Täter scheint noch nicht genug gehabt zu haben. Doch auch jetzt rennt sie nicht zur Polizei, sondern stellt eigene Nachforschungen an, um den Täter zu finden. Was wird sie mit ihm machen, wenn sie ihn hat?

Auch im neusten Film des Basic Instinct-Regisseurs Paul Verhoeven dreht sich vieles um Sex und Gewalt. Doch die Protagonistin unterläuft mit ihren Handlungen ständig die Erwartungen des Zuschauers, was frisch, wunderbar anders und unterhaltsam ist. So bietet der Film trotz Vergewaltigungsszenen viel Gelegenheit zu lachen. Klingt völlig daneben, oder? Ist es eigentlich ja auch. Ein Film, der nicht funktionieren dürfte, es aber trotzdem tut. Der alte Provokateur Paul Verhoeven did it again!

Provokateur Paul Verhoeven kehrt nach einer Kinopause von stolzen zehn Jahren auf die grosse Leinwand zurück. Er, der mit Filmen wie Basic Instinct und Starship Troopers Kinofeingeister wütend machte und für Showgirls stolze acht Goldene Himbeeren erntete. Womit kann der 77-jährige uns in einem Filmzeitalter, in denen wir wohl schon alles gesehen haben, jetzt noch schocken? Wie gut, dass Verhoeven dies nicht als Herausforderung ansah. Auch wenn in Elle die für den Regisseur typischen Elemente Sex und Gewalt zentral sind, ist sein Film angenehm anders und zwischendurch auch irre witzig.

Verhoeven unterlässt es, Michèle wie ein Opfer darzustellen. Es würde der Figur aber auch nicht stehen, wenn sie plötzlich zusammensacken und in Tränen ausbrechen würde. Nach der Vergewaltigung wischt sie erstmal die beim Angriff entstandenen Scherben zusammen, nimmt ein Bad und geht danach ihrem normalen Alltag nach. Mund abwischen und weiter geht's. Jene, denen sie später von dem Verbrechen berichtet, sind schockiert. Michèle ist es nicht, sondern bleibt ruhig und spricht davon, als ob sie den Bus verpasst hätte. Sie lässt nichts an sich rankommen. So macht es Sinn, dass sie alleine wohnt und es bevorzugt, eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin zu haben.

Ist Michèle deswegen kalt? Definitiv. Doch löst dies beim Kontakt mit ihren "normaleren" Mitmenschen viel Gelächter aus. Mit ihrer Direktheit bringt sie die eigene Mutter und den von der Freundin herumgeschubsten Sohn in Verlegenheit. Selbst wortlos, nur mit ihrem "Wollt ihr mich verarschen?"-Blick bringt Hauptdarstellerin Isabelle Huppert das Publikum zum Grölen. Auch wenn es schwierig sein dürfte, hier einen Oscarclip zu finden, ist es eine grossartige Performance, die vor allem mit ihrer Ruhe und Kontrolliertheit punktet.

Die Frage stellt sich natürlich, ob man 130 Minuten mit einer kalten Protagonistin verbringen möchte. Doch Verhoeven hat Elle durchgehend unterhaltsam inszeniert. Es ist ein seltsamer Film,der nicht den offensichtlichen Pfad einer Vergewaltigungsstory nimmt und so viele vor den Kopf stossen wird. Doch genau weil Verhoeven nicht auf ausgelatschten Pfaden läuft, ist dieser Film so faszinierend.

Wer einen durchgehend spannenden Film erwartet, ist hier völlig falsch. Als Thriller ist der Streifen sogar richtig schlecht. Doch dies ist Verhoeven. Seine Filme waren immer schon ein bisschen schlecht, woran aber - abgesehen von Showgirls - auch der Reiz lag. Basic Instinct war Pulp pur und Starship Troopers wäre ohne die Satire übelst. Verhoeven dreht Filme, die nicht funktionieren sollten, es aber trotzdem tun. Dies ist seine Kunst. So wie Michèle würde sich doch kaum ein Mensch verhalten - dies ist hier die Provokation, und genau deshalb ist Elle dann auch ein solcher Spass.

/ crs

Kommentare Total: 2

sma

Die fabelhafte Isabelle Huppert überzeugt in einem vielschichtigen Thriller, der nicht nur mit seinem Einstieg schockiert. Der düstere Score unterstützt gekonnt die bedrohlichen Momente. Den Alltag der Pariser Oberschicht bekommt man mit einem bissigen Humor präsentiert. Es ist wirklich ein sehr guter Film.

crs

Filmkritik: Starship Huppert

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