Einfach leben (2016)

Einfach leben (2016)

  1. 99 Minuten

Filmkritik: Leben wie Heidi. Im 21. Jahrhundert. Und das freiwillig.

12. Zurich Film Festival 2016
Hand in Hand in ein einfacheres Leben
Hand in Hand in ein einfacheres Leben © Xenix Films

Früher war Ulrico noch Lehrer in einem kleinen Dorf in der Schweiz. 1993, im Alter von 50 Jahren, entscheidet er sich dazu, sein bisheriges Leben an den Nagel zu hängen. So beginnt er mit einer Handvoll anderer Menschen, eine Genossenschaft zu gründen und in den Tessiner Bergen zu leben. Sieben Tage in der Woche, 365 Tage im Jahr kümmern sich Ulrico und Co. um ihr eigenes Wohl. Falls ihr Berghaus Schäden aufweist, müssen sie den Hammer selbst in die Hand nehmen. Möchten sie frische Milch, liegt es an ihnen, ihre Ziegen zu melken. Und in einem grossen Garten gedeihen Kräuter und Gemüse, von denen einige in kaum einem Einkaufsgeschäft in der Schweiz zu finden sind.

Doch ganz ohne Kontakt zur Zivilisation geht es nicht. Um sich beispielsweise Kleidung leisten zu können, muss etwas Geld her. Dieses erhalten sie durch die Beherbergung von Besuchern, wobei dies für die Beherbergten bedeutet, selbst kräftig mitanzupacken. Auch eine Schulklasse besucht Ulrico und seine Gemeinschaft für einige Tage. Sowohl für die Schülerinnen und Schüler wie auch für Ulrico stellt dies eine ganz besondere Erfahrung dar.

Wie das Leben ohne unsere Fortschritte aussehen könnte, zeigt Einfach leben überzeugend auf. Die unkommentierte Dokumentation ermöglicht es den Zuschauern, sich komplett in das Geblöke der Ziegen und das Rauschen des Windes zu versetzen. Doch der Mangel an Information und temporeichen Schnitten entschleunigt den Film zu sehr.

Bereits der Schweizer Philosoph Jean-Jacques Rousseau kritisierte Ende des 18. Jahrhunderts das Leben in der Gesellschaft mit all ihren Fortschritten. Seiner Ansicht nach wären die Menschen am glücklichsten, wenn sie ein solitäres Leben in der Natur führen würden. An der Gesellschaft setzte er zwei Dinge aus. Erstens: In einer solchen lebend, verkümmern viele Fähigkeiten des Menschen, da durch die Arbeitsteilung nicht mehr jeder alles macht, sondern jeder nur einer Tätigkeit nachgeht. Zweitens: Durch technische Fortschritte werden wir faul und verwöhnt. Wir essen Dinge, die uns nicht gut tun - Gruss ans Fast-Food-Gewerbe - und wir beginnen uns mit anderen zu vergleichen - Gruss an Social Media. Dies führt zu Neid und Eifersucht und somit letzten Endes zu Streitereien.

Einfach Leben scheint die Verfilmung Rousseaus philosophischer Schrift zu sein. Doch schnell wird ersichtlich: Ganz ohne technische Fortschritte lässt es sich heute in der Schweiz nicht leben. So verfügt das Steinhaus über Solarpanels, die für Licht im Dunkeln sorgen. Auch einzelne Arbeitsgeräte, wie die Abwaschbürste oder die Motorsäge, stammen aus dem 21. Jahrhundert.

Für die Genossenschaft spielt dies aber keine Rolle, da sie keinen Anspruch haben, sich in eine bestimmte Zeit zurückzuversetzen. Vielmehr geht es ihnen darum, möglichst einfach und autonom leben zu können. Doch genau an diesem Punkt zeigt sich eine Schwäche der Dokumentation. Zwar erzählen alle Gefilmten, wann sie sich für dieses Leben entschieden haben, doch eine ausführliche und pointierte Begründung fehlt. Zudem fehlen Aufnahmen von Tagen, an denen es grosse Probleme in der Genossenschaft gibt und nicht alle gut gelaunt sind. Somit mangelt es dem Film am Informationsgehalt. Wobei gesagt werden muss, dass Rousseau ein gewisses Mass an Unreflektiertheit gutheisst.

Ein zusätzliches Problem der Dokumentation besteht in der mangelnden Dynamik. Wenige Schnitte und zu viele Aufnahmen, die den Alltag der Genossenschaft als idyllisches Leben à la Heidi zeigen, führen zu einer schnellen Sättigung. Bereits nach der Hälfte des Films kann man so das Gefühl erhalten, bereits alles gesehen zu haben.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Einfach leben einen guten Gegenpol zur heutigen Stress- und Leistungsgesellschaft aufzeigt. Als Inspiration für Sommerferien auf der Alp dient der Film allemal. Doch wer sich differenziert mit der Frage nach Fortschritt, Rückschritt und dem Leben in der Gesellschaft auseinandersetzen möchte, ist bei dieser Dokumentation fehl am Platz.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Schweizerdeutsch, 01:51