Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016)

Egon Schiele: Tod und Mädchen (2016)

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Filmkritik: Wo liegt die Grenze zwischen Kunst und Porno?

12. Zurich Film Festival 2016
Der Maler in seiner Welt
Der Maler in seiner Welt © Studio / Produzent

Zwei Dinge sind im Leben von Egon Schiele (Noah Saavedra) wichtig: die Malerei und Frauen. Letztere dienen ihm als Vorlage für expressionistische Aktkunstwerke. Dabei schreckt Egon nicht davor zurück, auch Minderjährige zu zeichnen wie seine jüngere Schwester Gerti (Maresi Riegner). Eine solch provokante Kunst sorgt in Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts für Gesprächsstoff. Doch nicht nur die Gesellschaft beschäftigt sich mit seinem Schaffen. Aufgrund einer angeblichen Schändung einer Dreizehnjährigen schaltet sich die Justiz ebenfalls ein.

Als wäre dies nicht genug, gerät Egon immer wieder mit seinen Musen aneinander. Vor allem das Verhältnis zwischen ihm und Gerti ist angespannt. Als ihr Vormund möchte er seine kleine Schwester beschützen. So verbietet er ihr zunächst eine Hochzeit, was sie nicht erfreut. Doch umgekehrt erträgt es die eifersüchtige Gerti nicht, wenn Egon andere Frauen malt. Und auch das Zusammenleben mit seiner grossen Liebe Wally Neuzil (Valerie Pachner) erweist sich als nicht unproblematisch.

Egon Schiele: Tod und Mädchen gehört nicht zu den besten Biografien. Aber auch nicht zu den schlechtesten. Dass der Film primär dunkel und farblos daherkommt, entspricht dem unsteten und trist dargestellten Alltag des Malers, der für seine Kunst lebt und wegen ihr auch leidet. Dieter Berner projiziert Schieles Innenleben auf die Leinwand. Somit sind nicht nur Egon Schieles Musen, sondern in einem übertragenen Sinne auch er selbst nackt.

Wenn die Rahmenhandlung eines Films darin besteht, der Hauptfigur beim Sterben zuzusehen, geht Spannung verloren. Dies ist natürlich nicht das einzige Wertungskriterium einer Biografie. Dennoch: Egon Schiele hatte in seinem Leben mit vielen Frauen zu tun, die für ihn wichtig waren. Durch den Beginn des Films mit seiner Rahmenhandlung wird vorweggenommen, welche Frauen letzten Endes eine zentrale Rolle gespielt haben. Daraus resultieren Einbussen der Spannung.

Doch vermutlich liegt dies im Interesse von Regisseur Dieter Berner. Möglicherweise möchte er nicht, dass sich der Film zu sehr mit Schiele und seiner Frauenauswahl beschäftigt. Andere Themen des Films taugen sowieso mehr als blosse Liebeleien. Ist es beispielsweise moralisch vertretbar, minderjährige Frauen als Aktmodelle zu gebrauchen? Was darf Kunst und wo hört sie auf? Selbst heute, ungefähr 100 Jahre nach Schieles Tod, haben wir immer noch keine konkrete Antwort auf diese Frage. Während Schiele dafür kritisiert wurde, Pornographie und keine Kunst zu machen, droht einer Nacktkünstlerin (Milo Moiré) heutzutage eine Gefängnisstrafe wegen Zurschaustellung der Geschlechtsteile an einem öffentlichen Ort. Der Film stellt somit die Frage nach dem Stellenwert von Kunst.

Dass ein solches Thema aufgegriffen wird, ist legitim. Leider lenkt Dieter Berner die Beantwortung der Frage zu sehr in eine Richtung. Dies vor allem durch gezielt eingesetzte Klavierstücke, die einen mit Schiele mitleiden lassen. Aber die Farben des Films sind bereits so düster und dunkel gewählt, dass der Soundtrack beinahe überflüssig, teilweise gar störend wirkt.

Umso passender wird dafür Schieles bekanntestes Werk "Tod und Mädchen" verknüpft. Im Film wird deutlich, wie viele seiner Musen gelitten haben, vor allem emotional. Aber auch in Schiele scheint etwas zu sterben, wenn sich eine Frau von ihm abwendet oder er sich von ihr abwenden muss. Und zu guter Letzt zeigt die Biografie auf, dass Schieles Leben eigentlich nur aus Mädchen und dem Tod bestand. Dies wird vor allem in der Rahmenhandlung deutlich. Während seine Ehefrau bereits gestorben ist, leidet er an der Spanischen Grippe. Es ist seine Schwester, die ihn bis zum Ende hin pflegt und bei ihm ist.

Egon Schiele: Tod und Mädchen ist somit ein gutes historisches Drama, das uns das Leben und die Gedanken Schieles näherbringt und den Stellenwert der Kunst infrage stellt.

Thomas Abplanalp [abt]

Thomas schreibt seit 2015 als Freelancer Filmkritiken für Outnow. Kinematografisches impressioniert nämlichen ohnegleichen: Filmisches ist leidenschaftlich multiplex. Originalität und traumhafte Nostalgie orchestrieren wunderbar.

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Trailer Deutsch, 02:01