Detour (2016/I)

Detour (2016/I)

  1. ,
  2. 90 Minuten

Filmkritik: Should I stay or should I go?

NIFFF 2016
Autofahren kann jeder...
Autofahren kann jeder... © Studio / Produzent

Harper (Tye Sheridan), ein Jurastudent aus gutem Hause, macht gerade eine schwere Zeit durch. Nach einem Autounfall liegt seine Mutter im Koma, ihr Leben hängt an einem seidenen Faden. Mitverantwortlich dafür macht er seinen Stiefvater Vincent (Stephen Moyer), der zum Zeitpunkt des Unfalles mit im Auto war und seither Harpers Mutter kaum je im Spital besucht hat. Stattdessen fährt Vincent immer mal wieder nach Vegas, geschäftlich, wie er sagt, doch Harper hat Hinweise, dass sein Stiefvater dort seine Mutter betrügt.

...so cool aussehen hingegen nicht!
...so cool aussehen hingegen nicht! © Studio / Produzent

Als Harper eines Abends in einer Bar den Kleinkriminellen Johnny (Emory Cohen) kennenlernt, erzählt er diesem, ermutigt vom Alkohol, von dem Wunsch, sich an Vincent zu rächen. Als Johnny am nächsten Morgen zusammen mit seiner Freundin Cherry (Bel Powley) auf der Matte steht, muss Harper dann aber doch erstmal leer schlucken. Doch Johnny lässt nicht locker und besteht mit Nachdruck darauf, den in der Nacht zuvor in Bierlaune besiegelten Deal einzulösen: Die drei fahren gemeinsam nach Vegas, wo Johnny für 30'000 Dollar Harpers verhassten Stiefvater um die Ecke bringt. Harper steht vor der Entscheidung: Mitgehen oder zu Hause bleiben?

Indem er geschickt mit den Erwartungen der Zuschauer spielt - gerade derjenigen, die schon eine gewisse Genre-Routine haben -, schafft es Severance- und Triangle-Regisseur Christopher Smith, seinen neuen Film über den Durchschnitt zu heben. Detour mag angesichts der nicht besonders tiefgründigen Geschichte und einer gewissen verkrampften Coolheit dennoch kein Meilenstein des Genres geworden sein, doch ist der Thriller kurzweilig und vermeidet arge Logikfehler. Das erzähltechnische Gimmick gibt's als Bonus.

Nein, die Story ist es nicht, die in Detour heraussticht. Der Plot über eine in Fantasie geplante Racheaktion, die dann plötzlich zur blutigen Realität wird und gehörig schiefläuft, vermag wohl niemanden wirklich hinter dem Ofen hervorzulocken. "Möchtegern-Tarantino!", mag man da rufen und hat dabei nicht so unrecht, zumal einige kleine Splatter-Elemente ein wenig bemüht wirken.

Auch die Protagonisten machen zunächst einen sehr stereotypen Eindruck, wobei sie im Verlaufe der Geschichte einige überraschende Wandel durchmachen. Das gilt für den von Jungstar Tye Sheridan gespielten Harper genauso wie für Emory Cohen. Dieser darf nach dem Knuddel-Italiener in Brooklyn jetzt einen richtigen Bad Boy geben, der allerdings doch nicht ganz so "bad" zu sein scheint. Bei Bel Powley in der Rolle der Cherry ist man sich wiederum nie ganz sicher, was denn genau ihre Intentionen sind. Beantwortet wird das nur andeutungsweise.

Die Charaktere sind also ganz nett ausgearbeitet. Doch auch wegen ihnen allein muss man sich Christopher Smiths Film nicht unbedingt ansehen. Dann schon eher wegen der Erzählweise. Bereits in dem Mystery-Thriller Triangle hat Smith eine gewisse Vorliebe für eine verschachtelt erzählte Geschichte an den Tag gelegt, die mit verschiedenen Timelines spielt. Auch hier überlistet er die Zuschauer wieder mit Splitscreens und einigen kleinen erzähltechnischen Tricks, auf die hier aus Spoiler-Gründen nicht näher eingegangen werden soll. Nur soviel: Ein kleiner Twist wird - ebenfalls eine Parallele zu Triangle - bereits in der Mitte des Filmes aufgelöst.

Das ist ein wenig schade, denn daraus hätte möglicherweise noch etwas mehr gemacht werden können. Dennoch vermag Detour auch nach der Auflösung des Twistes gut zu unterhalten, zumal noch ein mit ähnlichen Mitteln erzeugter Mini-Twist nachgeschoben wird, der von einer - allerdings vorhersehbaren - Schlusspointe garniert wird. Das mag etwas des Guten zu viel sein, doch immerhin umgeht der Film dabei gekonnt die Todsünde eines jeden Thrillers: Langeweile.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Englisch, 02:07