El Cristo ciego (2016)

El Cristo ciego (2016)

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Filmkritik: Der selbsternannte Messias

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
Und wer von uns ist jetzt Jesus?
Und wer von uns ist jetzt Jesus? © Studio / Produzent

Michael (Michael Silva) glaubt, er sei Jesus. Er glaubt, er trage Gott in sich und ist fest davon überzeugt, mit seinen Händen andere Menschen heilen zu können. Von vielen Menschen aus der Gegend wird er für verrückt gehalten. Doch einige bewundern seine Glaubenskraft und seine überzeugte Haltung. So beispielsweise ein Junge, der später mal Profifussballer werden möchte und Michael - zunächst gegen den Willen seiner Mutter - zu Hause Unterschlupf gewährt.

Planschen im Weihwasser
Planschen im Weihwasser © Studio / Produzent

Eines Tages erfährt Michael, dass sein bester Freund aus der Kindheit, den er seit langer Zeit nicht mehr gesehen hat, einen schweren Unfall hatte und im Sterben liegt. Er macht es sich zur Aufgabe, ihn aufzusuchen und zu heilen. Doch sein Unterfangen entpuppt sich als schwieriger als gedacht, denn von dessen früheren Wohnort ist sein Freund verschwunden. Aus der Suche wird eine lange Pilgerreise durch die chilenische Wüste, welche Michael viel Durchhaltevermögen abverlangt und dabei seinen Glauben auf die Probe stellt.

Hinter Christopher Murrays El Cristo ciego stehen interessante Gedanken zur Frage des Glaubens und des Vertrauens - nicht ausschliesslich auf die Religion bezogen, sondern auch auf das Vertrauen in die Mitmenschen, in sich selbst etc. Leider gelingt es Murray nicht, seine Ideen filmisch gut umzusetzen und so verkommt sein Film zu einem schleppend erzählten und inhaltlich armen Werk, dessen Ende wahrlich erlösend wirkt.

Gemäss Regisseur Christopher Murray ging es ihm nicht primär darum, mit El Cristo ciego einen Film über Religion zu schaffen. Viel bedeutender ist die Absicht seines Protagonisten Michael, die triste Realität durch ein Wunder überwinden zu wollen. Michael ist ein junger Mann, der von unbändiger Willens-, Überzeugungs- und Glaubenskraft angetrieben wird. Woran er glaubt, ist hierbei nicht entscheidend, sondern die Tatsache, dass er überhaupt an seinem Glauben festhält und Vertrauen zu etwas hat - in der Gesellschaft der heutigen Zeit eine Seltenheit.

Die Message, die Murray mit El Cristo ciego vermitteln will, ist gut und schön, aber leider gelingt es ihm nicht, diese in einer ansprechenden Story wiederzugeben. Auf der narrativen Ebene überzeugt der Film nicht. Die Handlung schlendert zaghaft vor sich hin, und die Begegnungen, die Michael macht, sind zwar teilweise unterhaltsam, aber insgesamt wenig aufschlussreich für die Glaubensfrage und die Motivation des Protagonisten. Überraschungsmomente bleiben weitgehend aus, und die Art und Weise, wie der Film endet, dürfte die meisten Zuschauer etwas ratlos und unzufrieden zurücklassen.

Visuell präsentiert sich der Film von einer besseren Seite. Die verlassenen Wüstengegenden im Norden Chiles, die Michael durchwandert, und die naheliegenden ärmlichen Wohngebiete bieten der Geschichte einen sehr passenden Schauplatz.

Michael Silva spielt seine Rolle zwar mit Hingabe und Gefühl, aber für den Messias, der sich nicht waschen will und sich auf Pilgerreise befindet, macht er einen etwas gar gepflegten Eindruck und wirkt deshalb nicht durchwegs authentisch.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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