The Distinguished Citizen - El ciudadano ilustre (2016)

The Distinguished Citizen - El ciudadano ilustre (2016)

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  3. 118 Minuten

Filmkritik: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

73. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2016
Planung der Woche
Planung der Woche

Der argentinische Autor Daniel Mantovani (Oscar Martínez) ist weltbekannt. Nachdem er den Nobelpreis in Literatur gewonnen hat, schiebt er in seinem stattlichen Anwesen in Barcelona die ruhige Kugel. Anfragen von Unis und Stiftungen aus der ganzen Welt werden ihm zwar von seiner Assistentin vorgetragen. Das meiste lehnt er gelangweilt ab. Bis eine Anfrage aus seiner Heimat Argentinien eintrudelt. Sein Heimatdörfchen Salas möchte ihm die Ehrenbürgerschaft erteilen. Nächste Woche schon.

Gruppenbild mit Nobelpreisgewinner
Gruppenbild mit Nobelpreisgewinner

Mantovani entscheidet sich, hinzureisen. Ganz alleine. Ohne Entourage. Doch bereits die Anreise vom Flughafen in die tiefe Provinz verläuft nicht pannenfrei. Das klapprige Taxi hat einen Platten - 100 Kilometer vor dem Ziel. Endlich angekommen, erinnert Mantovanis Hotelzimmer an den Ostblock. Die Bewohner lassen sich aber nicht lumpen: Die Feuerwehr lädt zum Umzug und die Dorfschönheit winkt mit dem Star-Literaten vom Löschwagen. Die Übergabe der Ehrenmedaille wird zum Erfolg. Doch nicht alle Dorfbewohner freuen sich über den illustren Besuch.

Starkult und provinzielles Gehabe bekommen ihr Fett ab in dieser warmherzig-intelligenten Parabel aus Argentinien, die auch Anleihen bei der Groteske hat. Geschickt stellen die beiden Regisseure Gastón Duprat und Mariano Cohn die kulturelle Weltoffenheit eines Literaten der hinterwäldlerischen Art einige seiner Landsleute gegenüber. Ein mit stillem Witz erzähltes Statement gegen den Stillstand, bei dem Oscar Martínez mit stoischer Ruhe überzeugt.

Was bedeutet Kultur? Sind Auszeichnungen fürs Lebenswerk eine Last oder Quell der Freude? Wer bestimmt über die Grenze zwichen "Nestbeschmutzer" oder "Local Hero"? Dies sind nur einige der Fragen, die der argentinische Film El Ciudadano Ilustre stellt. Im Zentrum steht der ausserhalb Argeniniens nicht sehr bekannte Schauspieler Oscar Martínez, der einen Literaten mit Weltruf spielt - süffig gemimt als arrivierter Intellektueller. In Turnschuh und Hoodie geniesst er als Mantovani seinen gutsituierten letzten Lebensabschnitt. Mit den ländlichen Figuren aus seiner Jugend und Kindheit, die seine Bücher so erfolgreich machten, hat er abgeschlossen. Bis sie sich aus eigenem Antrieb wieder melden, und er sich ihnen stellt.

Eine Reise in die Vergangenheit kann schmerzhaft sein für beide Seiten. Dieser Film steht aber immer auf der Seite des Intellektuellen. Es ist Mantonavis Sicht der Dinge, was sich sich auch darin spiegelt, dass der Film in Kapiteln erzählt wird, die später als Buch von Mantovani enden werden. Reale Welt und Erzählung werden quasi eins. Und die Konfliktlinien werden auch erst im Verlaufe des Films stärker gezeichnet.

Denn alles beginnt als leichte Komödie mit dicken Chauffeuren in nicht ganz standesgemässen Fahrzeugen. Die mitgebrachten Romane von Mantonavi enden als Zunder fürs Notfeuer oder gleich als WC-Papier-Ersatz. Auch eine unsagbar schlechte Powerpoint-Präsentation als Showstopper bei der Ehrung sorgt für Lacher. Sogar ein blutjunges Groupie schmeisst sich Mantonavi an den Hals. Erst als es darum geht, als Juror bei einem Mal-Wettbewerb Stellung zu beziehen und Mantovani sich um die lokalen Empfindlichkeiten foutiert, die bei solchen Anlässen eben auch berücksichtigt werden müssen, wird es dramatisch.

Bald sind alte Schulfreunde, welche den Schulschatz geheiratet haben, plötzlich nicht mehr die lieben Menschen, die man kannte. Die eben noch enthüllte Büste im Park ist schon wieder verschandelt. Und wer weiss schon, was diese jagdverückten Hinterwäldler sonst noch vorhaben mit dem berühmtesten Sohn der Stadt? Dann wird die Komödie zur Groteske, der man eigentlich nur vorwerfen kann, dass die Bilder etwas murksig daherkommen. In Halbtotalen wird die provinzielle Enge auch in der Bildsprache übermittelt. Mit etwas mehr Budget sähe der Film auch optimaler aus.

/ rm

Kommentare Total: 3

obertitel

Der Film ist sehr vielfältig: Teilweise konnte ich mich kaum halten vor lachen - wie es mir nicht jedes Jahr mal passiert - teilweise regt er aber auch zum Nachdenken an und dann wird es auch noch richtig spannend. Für mich ist der Spagat sehr gut gelungen, da sich auch bei verschiedensten Charakteren im Film früher oder später Abgründe auftun und man sich fragt, wie naiv, besserwisserisch, heuchlerisch,... die denn eigentlich sind und nicht einfach s/w die einen als die Guten und die anderen als die Bösen hingestellt werden.

Granunaile

Der Film hat einige Preise gewonnen. Mich hat er nicht überzeugt.
Der aus Argentinien stammende, in Europa lebende Literaturpreisträger Daniel Mantovani macht sich anlässlich der Übergabe des Nobelpreises in pseudo-selbstironischer Weise über die Schwedische Akademie, welche ihm den Preis zugesprochen hat, und das Königshaus lustig. Er besucht auf entsprechende Einladung sein Heimatdorf Sales in Argentinien, welches er vor vierzig Jahren als rund 20-jähriger verlassen hat. Dort wohnt er in einerm heruntergekommen Hotel, absolviert ein Kultur- und Vortragsprogramm, wirkt in der Jury eines Kunstmaler-Wettbewerbs mit und trifft Menschen aus dem Dorf, insbesondere Menschen aus seiner Jugend. Dabei wird kein Vorurteil gegenüber Spiessbürgern, Dorftrotteln und Menschen mit beschränktem Horizont (da sie nie über ihr Dorf hinausgekommen sind) ausgelassen. Über weite Strecken empfand ich den Film schlicht als peinlich.

rm

Filmkritik: Der Prophet gilt nichts im eigenen Land

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Trailer Spanisch, mit deutschen Untertitel, 01:58