Captain Fantastic (2016)

Captain Fantastic (2016)

  1. 118 Minuten

Filmkritik: Waldmeister

69e Festival de Cannes 2016
"Was schauen die alle so?"
"Was schauen die alle so?"

Ben Cash (Viggo Mortensen) und seine Frau Leslie (Trin Miller) haben sich in den Wäldern des pazifischen Nordwestens ihr persönliches Paradies aufgebaut. Zusammen mit ihren sechs Kindern leben sie dort und kommen dabei ohne den Rest der Welt aus. Ben und Leslie unterrichten ihren Nachwuchs selbst und bringen ihnen alles bei, damit sie in der Natur überleben können - inklusive Klettern und Jagen. Eines Tages wird Leslie aufgrund schwerer Depressionen eingeliefert und begeht Monate später fernab von ihrem Mann und den Kindern Suizid.

Leslies Eltern (Frank Langella, Ann Dowd) planen daraufhin die Beerdigung und gedenken sie christlich zu begraben. Dies kommt aber für Ben nicht in Frage, da der Wunsch Leslies ein anderes war: Ihre Leiche soll kremiert und die Asche danach in einer öffentlichen Toilette heruntergespült werden. Um ihr diese Bitte zu erfüllen, setzen sich Ben und seine sechs Sprösslinge in den Familienbus, um die Beerdigung zu verhindern. Ein Roadtrip, der für die Kinder zum kleinen Kulturschock wird.

Das Familien-Road-Movie Captain Fantastic gefällt dank seiner Charaktere, die zwar blitzgescheit sind, aber von der realen Welt keinen Plan haben. Dies führt immer wieder zu witzigen Momenten, wobei der Grund dafür eigentlich nicht so zum Lachen ist. Trotzdem behält sich der Film von Matt Ross seine Leichtigkeit. Auch wenn dem Film die ganz grossen Grinsemomente fehlen, ist dies ein sehenswerter Crowdpleaser.

Eine etwas schräge Familie setzt sich in einen alten Bus und geht auf einen Roadtrip. Mit dieser Formel gewann Little Miss Sunshine vor zehn Jahren die Herzen des Publikums, der Kritiker und der Academy. Letztere zeichneten Alan Arkin und das Drehbuch von Michael Arndt mit dem Oscar aus. Doch auch wenn sich die Story von Captain Fantastic recht ähnlich anhört, sind die Cashs aus einem ganz anderen Holz geschnitzt als die Hoovers. Dies ist eine Familie, die gleich in einer ersten Szene des Filmes mit Tarnfarbe bemalt blutig ein Reh erlegt. En Guete.

Trotz dieses "Woah"-Starts wachsen einem aber auch die Cashs ans Herz. Fernab von der Zivilisation auf- und erzogen, fehlt den Kindern jeglicher Filter und sie sagen die Dinge so, wie sie sind. Dies ist besonders lustig bei einem Besuch bei Verwandten, die nicht schlecht staunen, wie selbstständig selbst die Kleinsten denken können. Doch den Preis für den Vater des Jahres wird Viggo Mortensens Ben nicht erhalten. Denn von der richtigen Welt weiss sein Nachwuchs nicht viel, sondern nur das, was in Büchern steht. So fragt eine Tochter in einem Restaurant mal, was genau eine Cola ist. Giftwasser entgegnet daraufhin ihr Vater. Die Kinder sollen laut Ben Philosophiekönige werden und dafür nimmt er deren Isolation in Kauf. Hassen tut man Ben aber deshalb nicht. Denn es ist die Liebe zu seinen Kindern, die ihn antreibt. Mortensen spielt den Part grossartig und mit einer unglaublichen Wärme. Ebenfalls überzeugen die Jungdarsteller, deren Charaktere noch lange nicht alle blind dem Vater folgen, sondern einige auch ihr Leben selbst in die Hand nehmen möchten.

Was Captain Fantastic bei all der Wärme und Liebe jedoch fehlt, sind die ganz grossen Grinsemomente. Solche wie Olives Auftritt in Little Miss Sunshine, die den Zuschauer auch nach dem Kinobesuch immer noch zum Lachen bringen. Zudem wirkt das Ende von Matt Ross' Film so, als hätte er nicht gewusst, wie er ihn abschliessen soll. Er hat es sich mit dem Weg, welche die Story nimmt, aber auch schwer gemacht, einen zufriedenstellenden Ausgang zu finden. Trotzdem mag man dies dem sympathischen Film verzeihen, der einen zum Lachen und auch ein bisschen zum Weinen gebracht hat. Fantastisch ist Captain Fantastic nicht. Sehenswert ist er aber trotzdem.

/ crs