Ballerina (2016)

Ballerina (2016)

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  3. 89 Minuten

Filmkritik: Balla-Balla-Rina

24-Stunden-Deodorant ist hier Pflicht
24-Stunden-Deodorant ist hier Pflicht © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Es ist die Zeit der Belle Époque in Frankreich, und die 11-jährige Félicie (Stimme: Elle Fanning) lebt in einem Waisenhaus irgendwo in der Bretagne. Anstatt täglich den Abwasch zu machen und den dreckigen Boden zu wischen, würde sie lieber ihren grössten Traum verwirklichen. So plant sie, mit ihrem besten Freund Victor (gesprochen von Dane De Haan) aus dem von einer fiesen Nonne geführten Heim abzuhauen, um in Paris eine hochkarätige Ballettschule zu besuchen

"Wocheneeeendeeeee, sauuufeeeen!
"Wocheneeeendeeeee, sauuufeeeen! © Ascot Elite Entertainment Group. All Rights Reserved.

Tatsächlich gelingt ihnen die Flucht und Félicie findet auch rasch den Weg zur Balletschule. Nur doof, dass ihr Talent für eine derartige Prestige-Schule noch lange nicht ausreichend ist und ihr Geldbeutel nicht leer, sondern gar inexistent ist. So schmiedet das clevere Mädchen einen ausgeklügelten Plan und gibt sich als jemand anders aus. Währenddessen findet Victor Arbeit bei einem gewissen Herrn Eiffel, der gerade ein Wahrzeichen konstruiert.

Selbst für Kinder ist diese kitschige Angelegenheit bestimmt nicht ereignisreich genug, um über die gesamte Spielzeit zu unterhalten. Für Erwachsene ist dieser Film zumindest nach dem sechsten Popsong sowieso eine Tortur. Die Animationen wirken teilweise billig, die Stimmen seltsam unpassend und viele der Nebenfiguren dienen der extrem dünnen Geschichte herzlich wenig. Einzig die Bewegungsabläufe während der (wenigen) Tanzsequenzen verdienen Lob, denn sie sind flüssig und realistisch animiert. Leider hat man im Gegenzug bei Hintergründen und Ausdruckskraft der Gesichter gespart in diesem klinisch wirkenden Trickfilm, den man nicht nur sich selbst, sondern eben auch den Kindern am besten vorenthält.

Neulich in einem Zürcher Tram: Ein kleines Mädchen zeigt auf das Filmplakat von Ballerina, welches eine Reihe Schülerinnen an der Balettstange abbildet. Sie alle machen gerade eine typische Figur, während ein rothaariges Mädchen in einer wilden Tanzbewegung dargestellt wird. Die Mutter des Kindes im Tram bestätigt die Tatsache, das Plakat auch gesehen zu haben, mit dem folgenden Satz: "Ja, das finde ich noch cool, wenn man aus der Reihe tanzt". Schön, hat die Werbung zu dieser französischen Trickfilmproduktion die Aussage des Filmes so verständlich auf den Punkt gebracht. Nur viel schöner wäre es noch gewesen, würde auch der Film ein wenig aus der Reihe tanzen. Dies tut er aber nicht im geringsten, sondern tänzelt nach Schema F wie "foll nicht speziell" über die Leinwand, und die netten Pirouetten in der Handlung bleiben aus.

Eine einfache Handlung ist an sich ja nicht so ein grosses Problem bei einem auf Kinder getrimmten Film, doch bei Ballerina ist auch in fast allen anderen Belangen so einiges schiefgelaufen. Vom Casting über den Look bis hin zur Musik reiht sich hier Katastrophe an Katastrophe. Dane DeHaan soll hier einen kleinen Jungen spielen? Wer kam denn auf diese olle Idee? Er gibt sich zwar hörbar Mühe, ganz jugendlich herumzukasperln, aber Stimme und Figurendesign passen zusammen wie Schwarzwäldertorte und Tabasco-Sauce. Allgemein ist seine Figur des "Victor" ein Schuss in den Ofen. Für Furzwitze und Slapstick ist er zwar immer mal wieder gut, aber zur Geschichte trägt er wenig bei. Elle Fanning macht, was sie kann in der Hauptrolle, aber ihre Figur ist nicht genug frech, um einen Eindruck zu hinterlassen.

Positiv anzumerken sind all die Szenen, in denen getanzt wird. Die Bewegungen wurden toll animiert, sind aber viel zu wenig. Leider zeigt sich genau bei diesen Szenen auch das grösste Ärgernis: Da man den Jungen ja nicht so etwas wie den "Nussknacker" oder die "Schwanensee" zumuten möchte, wird hier meist auf austauschbare, nervtötende Popmusik aus dem allerhintersten CD-Regal gegriffen. Als wäre klassische Musik nicht ein grosser Bestandteil des Balletts, verweigert er dem Zuschauern diese, und dies ist bei allen anderen Katastrophen wohl die traurigste.

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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