Graduation - Bacalaureat (2016)

Graduation - Bacalaureat (2016)

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  3. 128 Minuten

Filmkritik: Man kann ja reden mit den Leuten

69e Festival de Cannes 2016
"Also, das mit den Bienen und Blüten funktioniert folgendermassen..."
"Also, das mit den Bienen und Blüten funktioniert folgendermassen..." © filmcoopi

Der Arzt Romeo Aldea (Adrian Titieni) lebt in einer Kleinstadt in den rumänischen Bergen. Von seiner Ehefrau Magda (Lia Bugnar) hat er sich auseinandergelebt und bleibt nur noch seiner 20-jährigen Tochter Eliza (Maria Dragus) zuliebe mit ihr zusammen, während er sich seine sexuellen Bedürfnisse seit Längerem bei der Lehrerin Sandra (Malina Manovici) holt. Perspektiven gibt es hier nicht viel, doch die Hoffnung, selbst mal auszubrechen, hat er längst aufgegeben.

Wer ist Keyzer Soze?
Wer ist Keyzer Soze? © filmcoopi

Für Eliza wünscht sich Romeo dagegen eine andere Zukunft. Dank ihrer guten schulischen Leistungen winkt ihr die Chance, in Cambridge zu studieren. Doch dazu muss sie unbedingt eine wichtige Prüfung bestehen. Kurz vor dieser Prüfung wird Eliza vor ihrer Schule überfallen. Traumatisiert von diesem Vorfall, kann sie sich nur schlecht auf den Prüfungsstoff konzentrieren. Romeo sieht die Zukunft seiner Tochter gefährdet und fragt mal bei einigen einflussreichen Bekannten rum, ob sich da vielleicht was machen lässt. Doch dabei begibt sich der Arzt, der bei der Erziehung seiner Tochter immer sehr viel Wert auf Ehrlichkeit gelegt hat, auf ein moralisch glitschiges Terrain.

Play it again, Cristian: Nach 4 months, 3 weeks and 2 days und Beyond the Hills ist es dem rumänischen Regisseur Cristian Mungiu erneut gelungen, mit relativ einfachen Mitteln ein durchwegs überzeugendes Drama zu drehen, das trotz der über zweistündigen Länge praktisch keine Durchhänger hat. Die moralische Kernfrage, die sich dem Protagonisten von Graduation stellt, ist gut gestellt und überzeugend beantwortet, ohne dabei in Pathos oder falsche Sentimentalität abzudriften. Empfehlenswert!

Bereits die streunenden Hunde auf der Strasse deuten darauf hin: Die Stadt in der Nähe von Cluj, in der Protagonist Romeo lebt, ist kein Ort, an dem man sich die Zukunft seiner Kinder wünscht; ein tristes Nest, das unter der Last der allgemeinen Armut keucht. Als Zuschauer kann man Romeo durchaus nachfühlen, als er versucht, eine Ungerechtigkeit durch eine andere Ungerechtigkeit wieder wettzumachen - auch wenn man weiss, dass dies trotzdem nicht der richtige Weg ist. Der moralische Konflikt, der sich für den eigentlich integren Mann ergibt, wird im Film von Cristian Mungiu sehr schön und nachvollziehbar aufgezeigt.

Der rumänische Filmemacher, seit seiner überraschenden Goldenen Palme in Cannes 2007 der bekannteste Vertreter des "rumänischen Filmwunders" und ein Garant für kleine, aber feine Charakterdramen, beweist auch in seinem neuesten Film wieder das Gespür für eine packende Filmerzählung. Diese kommt ganz ohne atmosphärisches Füllmaterial oder unnötige Nebenplots aus. Lediglich gegen Ende des über zweistündigen Filmes gerät die ansonsten sehr flüssige Handlung ein wenig ins Stocken. Doch das sind nur kleine Makel in einem Werk, das sonst zu keiner Minute zäh ist.

Wie in seinem Palmengewinner 4 months, 3 weeks and 2 days setzt Mungiu dabei auf eine realistisch anmutende, ungeschönte Darstellung des rumänischen Alltags, wo ein ungeplanter Vorfall Ursprung ist für eine ganze Verkettung von unerquicklichen Ereignissen. Obwohl die allgegenwärtige Armut den Plot bestimmt, ist es im Kern eine Geschichte, die überall spielen könnte. Der Film zeigt zudem sehr schön auf, wie schleichend plötzlich Korruption entstehen kann, ohne dass es sich bei den Betroffenen um Charakterlumpen handelt.

Dank des guten Drehbuchs und kongenialen Darstellern benötigt Graduation keine weiteren Tricks, um die Zuschauer bei der Stange zu halten. So verzichtet der Film auf musikalische Untermalung, und die Kameraaufnahmen sind in unspektakulären Grautönen gehalten. So grau, wie eben der Alltag in diesem tristen Ort ist, aus dem der Protagonist so gerne selbst entflohen wäre und in dem jetzt auch seine Tochter hängenzubleiben droht. Dass er ihr dies um jeden Preis ersparen möchte, notfalls gegen ihren Willen, ist letztendlich die bittere Pointe des Filmes.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:07