Aloys (2016)

Aloys (2016)

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  3. 91 Minuten

Filmkritik: Weird Aloys is watching you

... ganz still und stumm.
... ganz still und stumm. © Hugofilm

Als sein Vater stirbt, übernimmt Aloys Adorn (Georg Friedrich) die bisher gemeinsam geführte Privat-Detektei. Der eigenbrötlerische Kauz ohne viel gesellschaftlichen Kontakt beschattet Menschen beim Fremdgehen, um Videobeweise in Rosenkriegen herzustellen. Wenn er nicht gerade bei seinem Lieblingschinesen weissen Reis zum Mitnehmen bestellt, ist er so meist mit seiner Handycam unterwegs. Bis sie ihm eines Nachts abhanden kommt. Aloys schläft betrunken im Bus, als sie ihm mit ein paar Video-Kassetten gestohlen wird.

"For English - Press 4!"
"For English - Press 4!" © Hugofilm

Er braucht vor allem die Bänder wieder und ist deshalb froh, als sich eine Frau (Tilde von Overbeck) bei ihm meldet, die sich als die Diebin herausstellt. Die mysteriöse Frauenstimme erpresst und beschimpft ihn. Sie will "Telefonwandern" und stellt mit diesem Experiment Aloys, der am liebsten unsichtbar werden möchte, vor massive Probleme. Kann er seine Privatsphäre weiterhin schützen oder wird ihn die Frau am Ende aus seiner selbstgewählten Einsamkeit befreien?

Der neue Film von Hugofilm, den Produzenten von Chrieg, ist ein weiterer Beweis, dass der "Schweizer Film" auch anders kann. Er erzählt eine universelle Geschichte mit spezieller Machart, die auch internationale Kritiker begeistert, wie der Fipresci-Preis anlässlich der Berlinale beweist. Ein Film wie sein Hauptdarsteller, schwer zugänglich aber trotzdem sympathisch.

Bei einem Regisseur wie Tobias Nölle mit Jahrgang 1976 noch von einem Regie-Talent zu sprechen, wirkt seltsam. Aber Aloys ist trotzdem sein Regiedebüt, nachdem er vor acht Jahren mit seinem Kurzfilm René in Locarno und bei den Kurzfilmtagen Winterthur Preise einheimste. Die Dreharbeiten brauchten seine Zeit. Schon 2013 wurde im Berner Quartier Tscharnergut gedreht. Erst jetzt kommt der fertige Film in die Kinos. Die Wartezeit hat sich gelohnt und ist bei einem Film dieser Sperrigkeit wohl nicht vermeidbar, bei all den Gremien, die von der Drehbuchphase bis zum finalen Schnitt mitzureden haben.

"Für einen Schweizer Film nicht schlecht", sagt man schnell einmal. Als würden die eidgenössischen Landesgrenzen ein Genre definieren können, in das alles Mögliche vom Schellen-Ursli bis zum Aloys reinpassen muss. Tobias Nölle, der auch das Drehbuch schrieb, denkt international und wählte mit Georg Friedrich einen österreichischen Darsteller, der keinen Dialekt spricht. Seine Story ist zeitlich nicht richtig einzuordnen. Aloys' Gadgets sind allesamt veraltet und verleihen dem Film eine "PTT-Ästhetik". Dabei ist der Privatdetektiv eine Ikone der Literatur und des Kinos, und das "Boy meets Girl"-Sujet, das im zweiten Teil des Films ein Rolle spielt, ebenso weltweit erprobt.

Trotz dieser universellen Thematik hat Nölle einen ganz eigenen Stil in Bild- und Ton-Sprache, der nur in den Szenen im Bahnhof Stettbach für Kenner der Zürcher S-Bahn-Linien als wirklich schweizerisch zu erkennen ist. Auch wenn er Traumsequenzen zuweilen altbacken choreographiert, gelingt Nölle Bewundernswertes. Er selber nennt es einen "lyrischen Film" - andere werden es übertrieben anspruchsvoll finden. Sehenswert ist Aloys allemal.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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