7 Minuti (2016)

7 Minuti (2016)

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  2. 88 Minuten

Filmkritik: 7 verhängnisvolle Minuten im Leben einer Textilfabrik-Mitarbeiterin

Alle Hände in die Luft...
Alle Hände in die Luft... © Studio / Produzent

Eine Textilfabrik in Italien wird von deren Besitzern, drei Brüdern, an einen französischen Grosskonzern verkauft. Aus Angst vor der Schliessung und dem Verlust der Arbeit treten die 300 Mitarbeiterinnen in den Streik. So reist aus Paris die neue Inhaberin an, um Gespräche zu führen, sowohl mit den alten Inhabern als auch mit der Personalkommission, deren Vertreterin Bianca bei dem Gespräch dabei ist.

...jetzt wird abgestimmt!
...jetzt wird abgestimmt! © Studio / Produzent

Nach fünf Stunden der Verhandlungen kehrt sie zu ihren zehn Kolleginnen der Kommission zurück, um ihnen die Neuigkeiten zu unterbreiten: Die Fabrik wird nicht geschlossen, nicht nach Frankreich verlegt und niemand verliert seine Stelle. Einzig über eine Bedingung sollen die elf Frauen, stellvertretend für die Meinungen der 300 Mitarbeitenden, abstimmen: Die Pause zwischen den Schichten soll um 7 Minuten gekürzt werden. Aber geht es der neuen Besitzerin wirklich nur um diese sieben Minuten?

7 minuti ist ein Film über starke, engagierte Frauen, welche eine schwierige Entscheidung zu treffen haben. Auf ebenjener Entscheidung liegt das Schicksal von 300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Fabrik. Keine einfache Entscheidung, auch wenn sie vorerst ziemlich klar ausfällt. Die intensiven Diskussionen entstehen erst, als die Entscheidung herbeigeführt zu sein scheint: In emotional angeregten Diskussionen wird debattiert, an die physischen und psychischen Grenzen gegangen. Viele anspruchsvolle Rollen werden vom Cast stark verkörpert, so dass der Film stetig an Spannung gewinnt.

Es ist eine Wucht, die den Zuschauer mitten ins Gesicht trifft: Ein Streik in der Textilfabrik tritt ein, wegen unwürdiger Bedingungen. Die Folge davon ist eine ausgeprägte Angst vor der Zukunft, davor, plötzlich ohne Arbeit dazustehen. Was sich nicht atemberaubend anhört, wird so dermassen packend erzählt, dass 88 Minuten, die beinahe nur aus Diskussionen bestehen und sich an wenigen Schauplätzen - hauptsächlich in einem Büroraum der Fabrik - abspielen, wie im Fluge vergehen.

Der auf einem Theaterstück basierende Film des italienischen Regisseurs Michele Placido versteht es, aus einer wirren Anfangssequenz, während der diverse Charaktere in kurzer Zeit nur dürftig eingeführt werden, ein klar strukturiertes Drama zu formen. Dieses Drama erhält bald einen Spannungsbogen, welcher für ein Drama in Sachen Intensität eine Seltenheit darstellt. Auch als die erste Abstimmungsrunde durch ist, nimmt diese Spannung nie ab, sondern kann sogar noch gesteigert werden. Dies verdanken wir einem Cast von Frauen, welche allesamt (!) ihre Rollen nicht mehr nur spielen, sondern leben. Bei solch unterschiedlichen Charakteren - von jung bis alt, ortsansässig bis eingewandert, engagiert bis auf sich selbst bedacht - sind Spannungen bereits vorprogrammiert, dennoch entsteht eine grossartige Gruppendynamik, sodass in einigen Szenen auf eine hervorragende schauspielerische Leistung eine noch bessere folgt.

Die Situation wirkt beklemmend, wenn eine der Mitarbeiterinnen ausrastet, sie aufeinander losgehen, oder eine ihre eigene Geschichte erzählt, weshalb für sie die Stelle unentbehrlich ist. Der Übersichtlichkeit halber werden einige Sequenzen des Diskussionstisches in einer Flugperspektive gezeigt, was die Runde komplettiert und alle elf Gesprächsteilnehmerinnen zurück auf ein gemeinsames Niveau holt - ein gelungenes cineastisches Attribut. Ansonsten wird auf experimentelle Kamerafahrten verzichtet, wahrscheinlich auch, um Ruhe in die vordergründigen, hitzigen Debatten zu bringen und nicht von diesen abzulenken. Im letzten Viertel verzetteln sich die Streitgespräche etwas gar fest, was aber in einem Herzschlag-Finale sofort wieder zerschmettert wird.

Das italienische Autorenkino erlebt die letzten Jahre eine wahre Renaissance, zumindest was realitätsnahe, gesellschaftliche Dramen wie die 2016 erschienenen Fiore und Sette Giorni, angeht. 7 minuti ist zwar eine Koproduktion der Schweiz, Frankreichs und Italiens, reiht sich jedoch nahtlos ein. Mögen noch viele weitere emotionsgeladene italienische Dramen kommen!

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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