24 Wochen (2016)

24 Wochen (2016)

  1. 103 Minuten

Filmkritik: Eine schwere Entscheidung

66. Internationale Filmfestspiele Berlin 2016
Woher bloss dieses Kitzeln am Bauch kommt...
Woher bloss dieses Kitzeln am Bauch kommt...

Astrid (Julia Jentsch) ist eine erfolgreiche Kabarettistin. Sie tourt durch Deutschland, hat Auftritte in Theatern oder bei Fernsehaufzeichnungen. Ihr Manager Markus (Bjarne Mädel) ist zugleich ihr Lebenspartner, mit dem sie eine gemeinsame Tochter hat. Die Familie ist glücklich, sie steht mitten in einem anstrengenden, aber auch erfüllten Leben. Astrid erwartet ihr zweites Kind. Als die beiden erfahren, dass ihr ungeborener Sohn das Down-Syndrom haben wird, ist es zunächst ein Schock. Doch sie stellen sich dem Problem, gehen mit viel Optimismus an die grosse Herausforderung, organisieren, informieren sich.

Wer muss zuerst blinzeln?
Wer muss zuerst blinzeln?

Doch je näher der Geburtstermin rückt, desto unsicherer wird Astrid. Insbesondere, als eine weitere schwere Diagnose das Leben des Ungeborenen in Frage stellt. Viele Diskussionen und Arzttermine folgen, die Astrid letztlich eine schwere Entscheidung fällen lassen. Das bedeutet nicht nur einen Konflikt mit Markus, sondern bringt auch für ihr öffentliches Ansehen Komplikationen mit sich.

Das bewegende Drama der Erfurter Regisseurin Anne Zohra Berrached um das Thema Spätabtreibung bei einem behinderten Baby beinhaltet wissenschaftliche Aspekte und bietet gleichzeitig eine hohe darstellerische Tiefe. Öffentliches Ansehen und persönliche Ansichten stehen im Konflikt mit dem Wohlergehen des Ungeborenen. Ein sehr emotionaler Film mit teilweise enorm aufrüttelnden Kameraaufnahmen.

24 Wochen, das sind gut 6 Monate, die für eine schwere Entscheidung zur Verfügung stehen. Bringe ich mein schwer krankes Kind zur Welt, kümmere mich jeden Tag rund um die Uhr, verzichte auf viele Annehmlichkeiten des Lebens, oder entscheide ich mich zum Wohle des kranken Kindes für eine Abtreibung? Eine furchtbare, eine schwere Entscheidung, die niemand fällen möchte. Doch genau diesem Thema widmet sich 24 Wochen der Erfurter Regisseurin Anne Zohra Berrached.

Es ist ein sehr persönliches Porträt einer Frau, einer Familie, die sich auf ihr zweites Kind freut und dann mit einer schweren Diagnose zurechtkommen muss - ein gesellschaftliches Tabu, mit dem sich die Regisseurin befasst. Abtreibung, aus welchen persönlichen Gründen auch immer, ist immer negativ behaftet. In das heile und erfolgreiche Leben der Kabarettistin Astrid schlägt die Diagnose Down-Syndrom natürlich ein grosses Loch. Doch sie und ihr Freund sind sich sicher, allen Umständen zum Trotz, diese Hürde auf sich nehmen zu können. Die Reaktionen der Freunde sind typisch; mitleidig bis betroffen, aber nie wirklich unterstützend. Erst eine weitere schwere Diagnose sorgt dafür, auch an der Überzeugung des Paares zu kratzen, denn nicht nur das eigene Leben wird dadurch noch mehr eingeengt, insbesondere das des Ungeborenen wird nur unter sehr erschwerten Bedingungen möglich sein.

Berrached zeigt nicht nur den schweren Gewissenskonflikt, den die Eltern durchlaufen. Sie lässt auch zahlreiche Fachleute zu Wort kommen, die die sozialen, rechtlichen und medizinischen Aspekte verdeutlichen, mit ihrem Fachchinesisch aber auch verunsichern. Das ist fast ein bisschen lehrbuchhaft, aber auch interessant, denn es bietet zu einem eher fremden Thema tiefere Einblicke. Manchmal sind diese Einblicke schwer zu ertragen, wenn die Kamera zu nah dabei ist. Hartes Wissen und wissenschaftliche Fakten kollidieren mit menschlichen Gefühlen und Diskussionen innerhalb der Familie. Es ist ein enorm emotionaler Film, der einen grossen moralischen Konflikt zum Thema macht. Spätabtreibung, zum Wohle des Kindes und des eigenen Lebens, ist das recht oder unrecht? Jeder kann und sollte sich dazu seine eigene Meinung bilden, doch nur in der entsprechenden Situation wird man in der Lage sein, wirklich entscheiden zu können.

Viel Liebe und Kraft steckt in diesem Film, darstellerisch sowohl durch Julia Jentsch als auch durch Bjarne Mädel, der bisher mehr durch komödiantische Parts wie den Tatortreiniger im Fernsehen bekannt ist. Sie spielen kraftvoll, überzeugend, mit hoher Emotionalität. Die Dynamik des Paares ist beeindruckend, jede Entscheidung fällen sie zusammen, so schwer sie auch ist. Nur am Ende scheint ihnen die Kraft auszugehen, gehen sie zum ersten Mal getrennte Wege. Bewusst scheint Berrached ihre Hauptfigur im Rampenlicht angesiedelt zu haben, damit ihre Entscheidung der Öffentlichkeit zugänglich wird. Das kann man bemängeln, schliesslich kann das Schicksal jede Familie treffen. Davon aber abgesehen, ist 24 Wochen ein enorm berührender Film, manchmal zu direkt und offensiv, aber ein wichtiger Anstoss zu einem wichtigen Thema.

/ jst