Victoria (2015/II)

Victoria (2015/II)

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  2. 140 Minuten

Filmkritik: Atemlos durch die Nacht

Ganoven beim Schwofen.
Ganoven beim Schwofen. © filmcoopi

Vor einem Berliner Club trifft die tanzwütige Victoria (Laia Costa) auf vier Jungs, die nicht reingelassen wurden. Sie stellen sich mit limitiertem Englisch als Sonne (Frederick Lau), Boxer (Franz Rogowski), Fuss (Max Mauff) und Blinker (Burak Yigit) vor. Schnell ist der jungen Spanierin klar, dass die vier nicht ganz koscher sind. Sie versuchen, Autos zu knacken, klauen Bier im Späti und werden generell nervös, wenn sich ein Polizeiauto nähert. Trotzdem begleitet Victoria die Truppe, folgt ihnen auf ein Häuserdach und nimmt sie mit ins Biocafé, wo sie als Serviertochter arbeitet. Besonders der nette Sonne hat es ihr angetan.

Netter Gruss in den Schnittraum.
Netter Gruss in den Schnittraum. © filmcoopi

Doch die Jungs stecken in Schwerigkeiten. Weil Boxer im Knast unter dem Schutz von Andi (André M. Hennicke) stand, schuldet er ihm nun etwas. Noch in der selben Nacht sollen Boxer und seine Clique eine Bank überfallen. Idealerweise zu dritt mit einem Fahrer, wie von Andi fachgerecht instruiert. Weil Fuss vollgekotzt und besoffen ausfällt, springt Victoria kurzerhand ein und wird so Komplizin bei einem nicht ungefährlichen Unterfangen. Wird der Raubzug klappen? Und werden alle ungeschoren davonkommen?

Ohne Schnitt und in nur einem, über zwei Stunden dauernden Take beschreibt Sebastian Schipper (Ein Freund von mir) eine rasante Nacht in Berlin. Ob eine Hipster-Migrantin aus Südeuropa - auch wenn von der Musik von DJ Koze und anderen Stimulanzien euphorisiert - wirklich Hals über Kopf zur Gangsterbraut mutiert, sei dahingestellt. Man kann sich dem stärker werdenden Sog der Story trotz Unplausibilitäten und einer gewissen Überlänge nur schlecht entziehen. Die Darsteller sind famos, und vor der logistischen Parforce-Performance, 22 Drehorte - vom Tanzschuppen über Auto-Innenräume und eine Wohngegend bis zum Luxushotel - in einem Schnurz unter einen Hut zu bringen, kann man selbigen nur ziehen. Victoria ist Arthouse-Kino, das auch für Action-Aficionados funktioniert.

Die Idee, alles in einem Take zu drehen, ist nicht neu. Die berühmtesten Beispiele sind Ein Cocktail für eine Leiche von Alfred Hitchock oder Birdman aus dem Jahre 2014. In Victoria benutzt Schipper das Gimmick eher wie Hitchock, indem er die Zeitebene auf das real ablaufende Tempo bringt. Nur ein Banküberfall-Krimi alleine wäre ihm zu langweilig gewesen. Er wollte Vorgeschichte und Nachgang in Echtzeit und hat dafür auch mit richtigen Bankräubern gesprochen (Drogeneinfluss ist nämlich in der Tat strafmindernd). Man vergisst dabei aber manchmal, dass hier alles ohne Schnitt abläuft, weil Aufsehen erregende Kompositionen fehlen. Alejandro González Iñárritu war in Birdman eher mal auf aussergewöhnliche Einstellungen aus. Victoria ist da etwas braver.

Ingesamt dreimal hat die Crew um Kameramann Sturla Brandth Grøvlen das das ganze Prozedere komplett durchgespielt. Nicht auszudenken, was da alles hätte schiefgehen können. Denn neben Szenen mit Halbstarkengelaber und Nüsschen knabbern, was zugegenermassen weder übermässig prickelt, wohl noch schwierig zu drehen war, gibt es in Victoria auch eine Schiesserei. In solchen Szenen rückt dieser deutsche Film einem seiner möglichen Vorbilder, Cloverfield, ziemlich nah auf die Pelle.

Victoria bleibt aber doch berlinerisch. Sonne und seine Truppe sind stolz darauf, "nicht zugezogen" zu sein. Laia Costa wirkt als Victoria optisch ein bisschen wie die Freundin von Stromberg und handelt teilweise auch ähnlich naiv. Aber Spanierinnen wie sie gibt es in der deutschen Hauptstadt an vielen Ecken. Das Drehbuch gibt ihr sogar eine Vorgeschichte, die ihr als titelgebende Figur etwas mehr Tiefe verleiht und leichte Verzeiflung über einen gescheiterten Lebensentwurf als mögliches Motiv für ihr kriminelles Mitagieren andeutet. In gewisser Weise ähneln sie und Sonne dem Liebespaar aus True Romance. Doch Victoria ist kein Abklatsch, sondern vom ersten Stroboskop-Blitz im Club bis zum Morgengrau Berlins gut zwei Stunden später ein mitreissender Film.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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Kommentare Total: 2

crs

Wow,einfach nur wow. Ein Film, den man lebt - kann es nicht anders beschreiben. Ich bin beeindruckt und mit den Nerven aufgrund der Spannung in der zweiten Hälfte völlig am Ende. Ein grossartiger Film.

rm

Filmkritik: Atemlos durch die Nacht

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Trailer Deutsch, 02:21