Sonita (2015)

Sonita (2015)

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  2. 91 Minuten

Filmkritik: Rap dich frei

© Xenix Filmdistribution

Die 18-jährige Sonita lebt in Teheran als illegale Immigrantin. Vor zehn Jahren musste sie ihre Heimat Afghanistan aufgrund des Taliban-Terros verlassen. Da die Mutter inzwischen in die Heimat zurückkehrt ist, schlägt sich Sonita nun alleine durch. Um sich über Wasser zu halten, reinigt Sonita tagsüber in einer Wohltätigkeitsorganisation für Kinder die Böden. Doch sie hat andere Ziele. Zusammen mit einem befreundeten Bauarbeiter träumt sie von einer Karriere als Rapcombo. Doch ihr Ziel scheint unerreichbar zu sein.

© Xenix Filmdistribution

Denn zuerst braucht man als Musikgruppe im Iran eine Bewilligung von der Regierung. Dass Sonita zudem in den Musikstücken auch Solos hat, kommt nach iranischem Recht gar nicht in die Tüte. Ausgerechnet in dieser schon schweren Zeit erreicht Sonita eine Hiobsbotschaft. Ihre Familie plant, sie für 9'000 Dollar an einen unbekannten Ehemann zu verkaufen. Doch Sonita denkt nicht dran, sich für Geld verheiraten zu lassen und wehrt sich mit ihrer Musik.

Am Filmfestival von Sundance holte Sonita der iranischen Regisseurin Rokhsareh Ghaemmaghami zwei Preise. Völlig zurecht. Der Film über eine afghanische Rapperin, die zwangsverheiratet werden soll, ist bewegend und packend. Dass die Filmemacher in die Geschehnisse eingreifen und ihrer porträtierten Person helfen, ist nicht störend, sondern lässt den Film besser werden.

Mit der Empfehlung von zwei prestigeträchtigen Sundance-Preisen (Audience Award und Grand Jury Prize) kommt die vom welschen Sender RTS mitproduzierte Dokumentation in die hiesigen Kinos. Die Preise kommen nicht von ungefähr und wurden nicht nur vergeben, weil der Film mit der Zwangsheirat ein schwieriges Thema anfasst. Der von der iranischen Regisseurin Rokhsareh Ghaemmaghami gedrehte Film ist packend, spannend, hat eine tolle junge Frau im Zentrum und hält sich nicht an die Konventionen des Dokumentarfilmes.

Denn bei den meisten Dokumentarfilmen bleiben die Macher im Hintergrund, lassen ihre Gesprächspartner reden und machen. Doch bei Sonita greift das Team von Ghaemmaghami ins Geschehen ein. Da äussern auch der Mikrofonträger und der Kameramann ihre Meinungen. Am drastischsten ist dies jedoch, als das Filmteam beschliesst, mit eigenem Geld Sonita mehr Zeit für die Erreichung ihres Traumes zu geben und mit ihr sogar ein Musikvideo drehen. Puristen werden ausrufen, dass ein Dokumentarfilm nur wiedergeben und nicht eingreifen solle. Doch Ghaemmaghamis macht dies nicht der Dramaturgie des Filmes willen, sondern hat menschliche Beweggründe und gibt ihrer porträtierten Person so eine Chance in einer aussichtslosen Situation.

Das nicht nur das Filmteam mit Sonita mitbangt, sondern auch der Zuschauer, hat mit der sympathischen Art der porträtierten Person zu tun. Sonita ist eine coole Rebellin, deren selbsternannten Wunscheltern Michael Jackson und Rihanna heissen. Ihr schwarzes Kopftuch ist zudem so weit nach hinten gezogen, dass es zwischendurch aussieht, als trage sie einen Hoodie. Wie dieser scheinbar leise Protest dann im Verlaufe des Filmes immer lauter wird, ist spannend zu verfolgen und lässt das Werk so zu einem starken Stück Dokumentarfilm werden.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:41