Schellen-Ursli (2015)

Schellen-Ursli (2015)

  1. 100 Minuten

Filmkritik: Schale Bündner Gerstensuppe

"Wie lange brauchst du noch zum Abzeichnen? Die Glocke ist imfall schwer."
"Wie lange brauchst du noch zum Abzeichnen? Die Glocke ist imfall schwer." © Frenetic Films

Es ist Spätsommer im Unterengadin und die Familien, welche die letzten Monate auf dem Maiensäss verbrachten, machen sich langsam bereit für die Alpabfahrt. So auch Uorsin (Jonas Hartmann), der mit seinen Eltern ein nicht immer leichtes, aber idyllisches Leben mit viel guter Bergluft führt. Doch während der Abfahrt geschieht ein Unglück: Ein Grossteil des hergestellten Käses fällt den Berg hinunter und scheint für immer verloren. Die ganze "Chrampfete" im Sommer scheint umsonst gewesen zu sein. Was Uorsins Familie jedoch nicht weiss, ist, dass der gute Käse im Bergfluss landete und dem Dorfkrämer Armon (Leonardo Nigro) in die Hände fiel.

Captain Haddock, bist du's?
Captain Haddock, bist du's? © Frenetic Films

Anstatt jedoch den Fund seinem rechtmässigen Besitzer zurückzugeben, versteckt Armon den Käse, während er Uorsins Familie aufgrund deren unbeglichener Schulden das Leben schwer macht. Um diese zu begleichen, soll Uorsin nun sein Lieblingszicklein Zila Armons Sohn Roman (Laurin Michael) abgeben. Für Uorsin bricht eine Welt zusammen. Doch zum Glück kommt Uorsins beste Freundin Seraina (Julia Jeker) langsam dem Geheimnis um den Käse in Armons Laden auf die Spur. Wird es für die Bergbauern doch noch ein Happy End geben?

Im Kino-Schellen-Ursli wird eine mässig interessante Geschichte über Käseklau und das harte Bergleben erzählt. Dies packt einfach zu selten, da die Erzählung viele unnötige Schlenker nimmt, um irgendwie auf eine Spielfilmlänge zu kommen. Die Geschichte der Vorlage gibt es in den letzten 20 Minuten. So ist Xavier Kollers Film trotz viel Liebe zum Detail eher eine Geduldsprobe.

Ob es ein Zufall ist, dass im Kinoherbst 2015 mit Schellen-Ursli und Heidi gleich zwei Schweizer Klassiker auf die Leinwand kommen? Auf jeden Fall hat das Team um Oscarpreisträger Xavier Koller die eindeutig schwerere Aufgabe zu bewältigen. Während Johanna Spyris Heidi storymässig einiges hergibt, ist der Schellen-Ursli von Selina Chönz ein Bilderbuch, das eher aufgrund der schönen Zeichnungen von Alois Carigiet in Erinnerung geblieben ist. Die Geschichte dreht sich darum, dass dem armen Ursli ein kleines Glöckchen für den Chalandamarz ausgehändigt wird und er sich danach aufmacht, um die grosse Glocke aus dem Maiensäss zu holen. Wer jetzt die obige Inhaltsangabe gelesen hat, wird merken, dass davon nichts steht. Teil des Filmes ist es natürlich trotzdem, jedoch nur in den letzten 20 Minuten. Zuvor ist es ein schrecklich langweiliger Kinderfilm, der wie die Vorlage eher mit seinen Bildern in Erinnerung bleiben wird.

Denn was Koller und sein Co-Autor Stefan Jäger sich hier ausgedacht haben, ist ein kleiner Käse-Krimi. Es gibt einen fiesen Bösewicht, Ungerechtigkeiten und Kinder, welche den Fall lösen können. Das Problem ist jedoch, dass der Film dabei zu viele Umwege nimmt, um auf eine einigermassen anständige Länge zu kommen. Die dazugedichtete Story ist arg dünn und der Film wäre fertig, wenn die Protagonisten mal miteinander reden würden. So ertappt man sich immer wieder dabei, wie man auf die Uhr schaut. Was hier zu sehen ist, ist zum grossen Teil eine schön gefilmte Verzögerungstaktik.

So ist Kollers Schellen-Ursli eine recht mühsame Angelegenheit, die aber immerhin dank den Bergbildern von Kameramann Felix von Muralt gefällt. Einen Käse möchte man den Film nicht nennen, da auch die Liebe zum Detail beeindruckend ist. "Eine schale Bündner Gerstensuppe" scheint da passender.

Christoph Schelb [crs]

Christoph arbeitet seit 2008 für OutNow und leitet die Redaktion seit 2011. Seit er als Kind in einen Kessel voller Videokassetten gefallen ist, schaut er sich mit viel Begeisterung alles Mögliche an, wobei es ihm die Filmfestivals in Cannes und Toronto besonders angetan haben.

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Kommentare Total: 5

Froburger

Schellen-Ursli gehört für mich zu den besten CH-Filmen der Schweizer Filmgeschichte. Das Kinderbuch von Selina Chönz / Alois Carigiet wird glaubwürdig und mit Augenmass erweitert und vertieft ! Das Drehbuch enthält einfach alles, was einen Super-Film ausmacht: Spannung, Dramatik, Humor, aber auch Realismus, Bodenhaftung, Authentizität und vor allem keinen Kitsch !!! Sehr toll finde ich auch die Szenen mit dem Wolf, zwar nicht ganz authentisch, aber ein Seitenhieb mit Augenzwinkern für all jene, welche im Wolf immer nur die böse und hinterhältige Bestie à la Rotkäppchen sehen wollen ! Hervorragend ist auch die schauspielerische Besetzung, gerade auch der drei Kinderrollen: Jonas Hartmann ist für mich einer der besten Kinderschauspieler seit Patrick Bach ! Ein grosses Bravo gehört auch Meisterregisseur Xavier Koller. Der Film hätte 10 Sterne verdient, leider kann ich nur sechs vergeben !!

Reptile

Naja 6 Sterne wäre ja wirklich ein bisschen überbewertet, aber knappe 5 (gewichtet 4.7) hat er schon verdient. Ich habe den "Schellen-Ursli" mittlerweile bereits zum zweiten mal im Kino gesehen und kann ungeniert sagen, dass dieser für mich der beste CH-Film seit Mathias Gnädinger's "Sternenberg" ist.

Der Film ist wunderschön umgesetzt, beinhaltet viele tolle Tier- und Landschaftsaufnahmen direkt aus den Bündner Bergen und ist trotz seiner kindgerechten Machart, dank einer schönen Geschichte rund um Freundschaft, Zusammenhalt und "Käseklau" auch für Erwachsene spannend anzusehen.

Die Kinder sind der ganz klare Dreh- und Angelpunkt des Films und ihnen steht die Spielfreude förmlich ins Gesicht geschrieben, allen voran Julia Jeker alias Seraina, welche mir von den drei "Hauptakteuren" ganz klar am besten gefallen hat. Aber auch Jonas Hartmann als Uorsin/Ursli sowie Laurin Michael als Roman, liefern eine tolle Leistung ab.

Die Geschichte wurde zwar um ein vielfaches erweitert (tja, aus einem knapp 50-Seitigen Bilderbuch alleine, kann man eben keine 1:40 Spieldauer hinzaubern) aber trotzdem kommen die angesprochenen "Buchmomente" nicht zu kurz.

Wer das Buch kennt, bzw. wie ich damit aufgewachsen ist, wird in manchen Szenen sofort einiges wiedererkennen und was ich vor allem besonders toll fand, es wurde komplett auf eine mögliche Modernisierung/Verslangung der Geschichte verzichtet.

Der "Schellen-Ursli" ist immer noch ein armer Bündner Bergbueb, hört kein Hip-Hop, sagt nicht Sachen wie "Mann" "voll Krass" oder "Eyy, bist du behindert", besitzt kein Smartphone, kein Tablet PC und auch keine PlayStation - Nein, er ist der Naturverbundene Schelm geblieben, den man aus dem alten Bilderbuch kennt und liebt und auch sprachlich gesehen, ist man dem "Urschweizerischen" mehr oder weniger treu geblieben und das gefällt mir.

Fazit: Im Gesamtpaket betrachtet, ist "Schellen-Ursli" für mich einer der besten CH-Filme überhaupt und deshalb, vergebe ich für dieses rundum gelungene Machwerk, auch gerne die Outnow-Bewertung "Sehr Gut", welche ja bekanntlich 5 Sternen entspricht. Aber meine angedachten 4.7, sind davon ja nicht all zu weit entfernt.

Dubach

Ein super, sehr guter Schweizer Dialekt Film der ich im Oktober in Frick (AG) gesehen habe.

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