The Program (2015)

The Program (2015)

The Program - Um jeden Preis
  1. , ,
  2. ,
  3. 104 Minuten

Filmkritik: Kein Doping ist auch keine Lösung

40th Toronto International Film Festival
Epo... äääh... Red Bull verleiht Flüüügel!
Epo... äääh... Red Bull verleiht Flüüügel! © Impuls Pictures AG

1993: Ein ehrgeiziger junger Radrennfahrer namens Lance Armstrong (Ben Foster) hat die Neugier des Sportjournalisten David Walsh (Chris O'Dowd) geweckt. Der perfektionistische Sportler überlässt nichts dem Zufall, weshalb er auch Kontakt aufnimmt mit dem als Sportguru bekannten Arzt Michele Ferrari (Guillaume Canet). Mit dessen Hilfe entwickelt er sich zu einem der weltbesten Spezialisten für Eintagesrennen und kann sogar den Weltmeistertitel feiern. Doch dann folgt der grosse Schock: Bei Lance wird Hodenkrebs diagnostiziert. In der Chemotherapie kämpft er gegen den Tod - und gewinnt.

"Ey, jetzt chill sie mal, Bruder...!"
"Ey, jetzt chill sie mal, Bruder...!" © Impuls Pictures AG

Während diesen schwersten Tagen seines Lebens schwört er sich: Wenn er zurückkommt, will er es allen zeigen und das härteste Radrennen der Welt gewinnen: die Tour de France. Nachdem er zu Kräften gekommen ist, wendet er sich so wieder an Michele Ferrari, der ihn in sein berühmt-berüchtigtes "Programm" aufnimmt. Mit Erfolg: 1999 gewinnt Armstrong triumphal die Tour - der Auftakt zu einer neuen Ära. Doch David Walsh, der Armstrongs Karriere seit Beginn mitverfolgt hat, beschleichen immer grössere Zweifel: Ist der Tour-de-France-Dominator wirklich "sauber"?

Fundamentale neue Erkenntnisse bietet The Program nicht - wie soll er das auch, nachdem Lance Armstrong über zehn Jahre lang durch den medialen Fleischwolf gedreht wurde und der Dokumentarfilm The Armstrong Lie schon alles Wesentliche zusammengefasst hat. Dennoch gefällt die filmische Umsetzung von David Walshs Enthüllungsbuch dank ihrem Detailreichtum, guten Schauspielerleistungen und adrenalinhaltiger Racing-Szenen. Eine veritable Tour de Fran... ääh Force!

In einer Szene in The Program unterhalten sich Lance Armstrong und sein Team im Tour-de-France-Teambus über eine geplante Verfilmung von Armstrongs Leben. Ob Matt Damon oder Jake Gyllenhaal die Hauptrolle spielen würde, wird spekuliert. Die Verfilmung hat sich nun einige Jahre hinausgezögert - und sie ist wohl etwas anders herausgekommen, als sich das Armstrong damals vorgestellt hat. Denn in Zwischenzeit ist er als Dopingsünder demaskiert, die sieben Tour-Titel sind ihm aberkannt worden, und statt einer amerikanischen Heldenstory ist der Film ein Doper-Drama geworden.

Wer den Dokumentarfilm The Armstrong Lie von 2013 gesehen hat, weiss über die Ereignisse bereits ziemlich gut Bescheid; wer Radsportfan ist und die Geschehnisse damals in den Medien ein wenig mitverfolgt hat, sowieso. Mit informativem Mehrwert kann The Program daher nicht unbedingt punkten. Dafür ist Armstrong schlicht zu bekannt. Der Film von Stephen Frears macht sich dies zunutze und schlägt ein flottes Erzähltempo an: Der Film beginnt mit Armstrongs Anfängen als Profi in den frühen Neunzigern und endet mit dem Doping-Geständnis bei Oprah Winfrey im Januar 2013.

Mit viel Liebe zum Detail zeichnet der Film ein Stück Sportgeschichte: Da stimmt alles, bis auf die Rückennummern und die Trikotfarben. Er muss sich dabei allerdings den Vorwurf gefallen lassen, etwas überfrachtet zu sein. Einige Dinge wie beispielsweise Armstrongs Beziehungsleben werden dermassen beiläufig angeschnitten, dass man sie besser ganz weggelassen hätte. Auch die eigentlichen Rennszenen sind eher spärlich ausgefallen - aber umso beeindruckender. Die mit Rockmusik unterlegten Alpenetappen-Szenen sind bildgewaltiges Adrenalin pur - wunderbar! Gerne hätte man mehr davon gesehen. Der Schweiss, den Armstrong seine sieben Tour-Siege trotz Doping zweifellos gekostet haben müssen, kommt so nur in homöopathischer Dosierung daher.

Dafür gefallen die Schauspieler: Letztendlich heisst der Armstrong-Darsteller nicht Gyllenhaal oder Damon, sondern Ben Foster. Und dieser schafft es, die widersprüchliche Persönlichkeit Armstrongs adäquat wiederzugeben: Weder wird er zu einem armen Opfer der Umstände hochstilisiert noch zum dämonischen Bösewicht verteufelt. Foster spielt Armstrong als einen Perfektionisten, der getrieben ist vom Willen zum Sieg und dabei auf niemanden Rücksicht nimmt.

Daneben kommt sein Antagonist David Walsh, gespielt von Chris O'Dowd, etwas zu kurz. Der Autor, dessen Buch "Seven Deadly Sins" Vorlage für The Program war, geht zwischendurch beinahe vergessen in der Handlung. Hier wird deutlich: Das ist ein Film über Armstrong, nicht über Walsh. Was wohl die richtige Entscheidung war, denn schliesslich war es ja nicht Walsh alleine, der Armstrongs Doping-Schwindel aufgedeckt hat. Vielmehr hat sich dieser selbst ein Bein gestellt. Die Filmfans danken es ihm. Denn der Film ist nun sicher besser, als es die ursprünglich geplante Heldengeschichte geworden wäre.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd