Nobody Wants the Night (2015)

Nobody Wants the Night (2015)

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Filmkritik: Stolz und Vorurteil in den Weiten der Arktis

Schwarze Lady, weisser Schnee
Schwarze Lady, weisser Schnee © Leandro Betancor

1908 macht sich Josephine Peary (Juliette Binoche), die Frau des berühmten Arktisforschers Robert Peary, im abgelegensten Teil Grönlands auf die Suche nach ihrem Mann. Dieser befindet sich seit Monaten auf einer Expedition zum Nordpol, den er als erster Mensch der Welt entdecken und überqueren möchte. Von Sehnsucht und Liebe getrieben, möchte Josephine, allem guten Zureden von Freunden und Einheimischen zum Trotz, die beschwerliche Reise zu ihrem Mann auf sich nehmen.

Iglu-Romantik
Iglu-Romantik © Leandro Betancor

Bepackt mit für sie wichtigem Reisegepäck wie Plattenspieler und Silberbesteck, wird sie von Bram Trevor (Gabriel Byrne), einem erfahrenden Polarreisenden, begleitet. Die Angst vor dem einbrechenden Winter treibt die Gruppe voran, dezimiert sie aber auch. Am letzten Basislager Pearys angelangt, beschliesst Josephine als Einzige, dort zu überwintern und auf ihren Mann zu warten. Nur die Inuitfrau Allaka (Rinko Kikuchi), die vor der Hütte in einem Iglu lebt, leistet ihr Gesellschaft. Durch die Enge lernen sie sich nicht nur besser kennen, sondern helfen sich gegenseitig, die rauen Seiten des Polarwinters zu überleben.

Das Abenteuer-Drama lebt durch die beiden Frauen, gibt Einblicke in die raue Natur und zeigt in teilweise berührenden Bildern, wie Stolz gebrochen werden kann. Trotzdem haftet dem Film an manchen Stellen zuviel Ruhe und Langsamkeit an. Dadurch kann die Aufmerksamkeit nicht durchgehend aufrecht gehalten werden und lässt die Zuschauer, trotz eines bewegenden Endes, relativ unbewegt zurück.

Hauptfigur des Frauendramas der spanischen Regisseurin Isabel Coixet ist nicht eine der beiden weiblichen Darstellerinnen, sondern vielmehr die Natur. Eis und Schnee beherrschen den Film, glänzen in der Sonne und erinnern an den letzten Winterurlaub. Aber auch die Härte der kalten, rauen Natur in der Arktis steht im Mittelpunkt, die Einsamkeit, der ständige Kampf gegen Kälte und Gefahr sowie die Angst vor dem Verhungern.

Mitten in dieser schneeweissen Einöde wirkt Josephine Peary mit ihrer bürgerlich gehobenen Garderobe und ihrem stolzen Auftreten von Anfang an unpassend. Doch es zeigt sich im Verlauf des Films, wie ihr Stolz gebrochen wird und sie von der einheimischen Inuitfrau Alluka, der sie zunächst mit viel Hochmut begegnet, dankend Hilfe annimmt und lernt, bestmöglich zu überleben.

Beschäftigt sich die erste Hälfte des Films mit der beschwerlichen Reise und den Tücken der Natur, so stehen in der zweiten Hälfte die beiden Frauen im Mittelpunkt. Kammerspielartig auf engstem Raum gefangen, lernen beide in Bruchstücken die Kultur des anderen kennen. Stolz und Vorurteil muss Josephine im Laufe der Zeit ablegen. Langsam wird ihr bewusst, dass sie ohne die Hilfe Allukas den nächsten Tag nicht erleben wird. Sie lernt, sich auf Wesentliches zu konzentrieren, sich der ungewohnten Lebensform im Eis anzupassen. Körperliche Strapazen und ungewohntes Essen sind nur ein Teil davon. Auch der Verzicht auf jeglichen Luxus oder schöne Kleider sowie die Aufgabe, auf engstem Raum mit einer Fremden zusammenleben zu müssen, sind für sie eine Herausforderung.

Die Kamera scheint dabei auf den Gesichtern der beiden Frauen zu kleben, fängt jede Regung ein und zeigt die wachsende Verzweiflung, aber auch die kleinen überraschenden Freuden. Nicht nur Josephine, sondern auch Alluka lernt eine für sie fremde Kultur kennen.

Julia Stache [jst]

Julia ist seit 2007 Freelancerin bei OutNow und kommt aus Berlin. Seit 2002 ist sie regelmässig bei der Berlinale dabei. In Jane-Austen-Filmen kann sie träumen und mitleiden. Sehr angetan haben es ihr Thriller, Christian Bale und James McAvoy.

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