Maryland (2015)

Maryland (2015)

Der Bodyguard - Sein Letzter Auftrag
  1. ,
  2. ,
  3. 98 Minuten

Filmkritik: Nach dem Krieg ist vor dem Krieg

11. Zurich Film Festival 2015
Vincent, frisch zurück aus Afghanistan
Vincent, frisch zurück aus Afghanistan © Studio / Produzent

Der Soldat Vincent (Matthias Schoenaerts) ist frisch aus Afghanistan zurückgekehrt. Wegen drohender Traumaerscheinungen, Hörverlustes und weiterer psychischer Schäden beschliessen die Ärzte, ihn nicht wieder ins Kriegsgebiet zurückzusenden. Auch wenn er sich dies wünschen würde, wird er zum Verbleib in seiner Heimat verdonnert, wo er erstmal die leere Wohnung seiner Mutter vorfindet, bei welcher er noch immer ein Zimmer zu hat.

Bombenstimmung am Strand mit Jessie, Ali und Vincent
Bombenstimmung am Strand mit Jessie, Ali und Vincent © Studio / Produzent

Bald findet er jedoch Arbeit als privater Sicherheitsmann einer gutbetuchten Familie. Zuerst muss er mit anderen Mucki-Typen zusammen an eine Party der Familie für Sicherheit sorgen. Später dann soll er Jessie (Diane Kruger), die Frau des ins Ausland reisenden, reichen libanesischen Geschäftsmannes, und deren Sohn Ali auf deren mächtigem Anwesen "Maryland" schützen. Schnell sieht Vincent in jeder Ecke eine Bedrohung für die auf ihn anziehend wirkende Jessie. Bei einem Ausflug an den Strand werden sie brutal überfallen, kommen jedoch mit dem Schrecken davon. Ist alles nur Einbildung des kriegsgeschädigten Vincent? Oder steckt mehr hinter der Macht des Hausherrn, hat dieser mehr Feinde, als Vincent lieb sein kann?

Abgesehen von einigen Plot-Holes und einem unerwarteten Aufbau der Spannung (geschieht doch zu Beginn ziemlich lange einfach gar nichts), gelingt das Werk nicht schlecht. So zeigt uns Maryland die Geschichte eines Geschädigten, der an den Folgen eines Krieges zu leiden hat, ohne dies selbst bewusst wahrzunehmen. Man hätte sich aber mehr Hintergrundinformationen gewünscht, (zu) vieles bleibt unkommentiert.

So nahe liegen Freude und Leid beieinander: Sehnt sich Vincent nach nichts mehr, als zurück nach Afghanistan zu gehen, beginnt sein Leben danach noch ganz ordentlich. Es gerät dann allerdings recht schnell aus der Bahn. Dies wirkt für den Zuschauer nachvollziehbar, was aber kaum verstanden werden kann, sind die Gründe, weshalb er nach der ärztlichen Diagnose und dem Bericht des zwangsläufigen Verbliebs in Frankreich niedergeschlagen und depressiv ist. Ein Background der Charaktere wird fein säuberlich übergangen, in ihr Innenleben erhält man kaum Einsicht. Dies ist schade, würde es doch die ganze Story glaubhafter werden lassen. So aber bleibt es eine fiktive Geschichte, der man sich emotional gut entziehen kann.

Sowieso macht Maryland mit einigen Plot-Holes und Ungereimtheiten auf sich aufmerksam, welche das Sehvergnügen trüben. Erwähnt sei an dieser Stelle als Beispiel, dass die Familie eine riesige Villa mit diversen Angestellten (Butler, Reinigungspersonal, Köchin usw.) und einem Totalüberwachungs-System besitzt, die Küche der Villa aber eher an eine Achtzigerjahre-Einbauküche erinnert. Ebenso lässt der Stil, in welchem Jessie daherkommt, zwingend einen vermögenden Background vermuten, wie dies doch ansonsten zumeist exzessiv dargestellt wird. Doch eher wirkt sie wie ein "Mädchen von nebenan", welches mal eben mit seinem Kind an den Stand oder Shoppen fährt. Beim Essen trinken die "feinen Leute" dann Cola und Bier aus der Dose, was auch nicht unbedingt authentisch erscheint. Später kommen noch einige Figuren dazu, die hier nicht erwähnt werden sollten (Spoileralarm), den Zuschauer aber doch verwundern dürften.

Schauspielerisch kann man Diane Kruger vorwerfen, dass sie die Rolle nicht mit voller Hingabe verkörpert und gefühlstechnisch doch etwas unterkühlt daherkommt. Vincents Obsession und Paranoia wird hingegen von Matthias Schoenaerts mit hohen, piepsenden Tönen und einer mitleiderregenden Mimik gut umgesetzt. Was dieses Gefühl von Unwohlsein unterstützt, ist, dass der Zuschauer alles aus Vincents Perspektive sieht und auch nur hört, was dieser effektiv wahrnimmt.

Aufgebaut ist die Story eher suboptimal, startet sie doch beinahe zu schnell, worauf dann in der ersten Filmhälfte aber viel zu wenig passiert. Dauernd wird Spannung aufgebaut, um diese dann - wie ein Kartenhaus - in sich selbst zusammenfallen zu lassen. In der Mitte des Films, wenn man es beinahe nicht mehr erwartet, erfolgt dann aber der Paukenschlag: Als sie vom Strand nach Hause aufbrechen wollen, werden Jessie, Ali und Vincent im Auto brutal überfallen. Ab dann baut sich die Spannung kontinuierlich auf und erreicht ein konstant hohes Niveau. Musikalisch untermalt wird die Szenerie vom elektronisch-mechanischen Sound von Gesaffelstein, einem französischen DJ, was sehr gut zum Gezeigten passt und ebenfalls für Spannung sorgt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

  1. Profil
  2. facebook

Trailer Englisch, 01:35