La loi du marché (2015)

La loi du marché (2015)

  1. 93 Minuten

Filmkritik: Der Kaufhaus-Cop

Bei ihm hat's gefunkt.
Bei ihm hat's gefunkt. © Xenix Filmdistribution

Terry (Vincent Lindon) ist seit mehreren Monaten arbeitslos - keine einfache Situation für den 51-Jährigen, muss er doch auch seine Frau (Karine de Mirbeck) und seinen cerebral gelähmten Sohn (Matthieu Schaller) ernähren. Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt stehen nicht gut - niemand hat auf einen 51-Jährigen Fabrikarbeiter ohne höheren Abschluss gewartet. Dennoch lässt er sich nicht entmutigen, besucht einen Kurs, um sein Auftreten zu verbessern und lässt fleissig Bewerbungen raus.

"Hier noch ein Katzenvideo, da lachst du dich kaputt...!"
"Hier noch ein Katzenvideo, da lachst du dich kaputt...!" © Xenix Filmdistribution

Schliesslich klappt es dann doch noch: Er findet eine neue Anstellung als Ladendetektiv. Seine Aufgabe besteht darin, die Verkaufsflächen zu überwachen und allfällige Ladendiebe dingfest zu machen. Dabei stehen keineswegs nur Kunden im Fokus, sondern auch das eigene Personal: Angestellte, die sich unerlaubterweise Bonuspunkte einheimsen, werden ebenfalls in die Mangel genommen. Der gewissenhafte Terry macht einen ausgezeichneten Job, der Chef ist sehr zufrieden mit ihm. Doch je länger Terry in diesem Job arbeitet, desto stärker fühlt er sich mit einem moralischen Dilemma konfrontiert.

Man muss nicht immer schreien, um gehört zu werden. La loi du marché ist ein Film der leisen Töne, der aber gleichwohl berührt. Gerade dank Vincent Lindon schafft er es, die Ungerechtigkeit der heutigen Wirtschaftswelt zu thematisieren. Der Hauptdarsteller ist in seiner Bescheidenheit sozusagen ein Abbild des Filmes - und wirkt damit dennoch stärker als noch so manche politische Kampfparole.

Wer selbst mal Angestellter eines grösseren Unternehmens war, dem kommen so einige Szenen in La loi du marché bekannt vor: die leeren Phrasen der Vorgesetzten beispielsweise, mit denen wahlweise eine Mitarbeiterin verabschiedet oder eine schlimme Nachricht kommuniziert wird; oder die unverhältnismässige Art und Weise, wie mit langjährigen Mitarbeitern umgesprungen wird, wenn sie ein kleineres Fehlverhalten an den Tag gelegt haben.

Im Film von Stéphane Brizé geht es um die Ohnmacht der Menschen wie du und ich, die ums finanzielle Überleben kämpfen und dabei der Willkür ihres Arbeitgebers ausgesetzt sind. In dieser Hinsicht erinnert er stark an den letztjährigen Deux jours une nuit der Dardenne-Brüder. Und genau wie im Film der beiden Belgier ergreift auch dieser Partei für die Schwächeren.

Regisseur Stéphane Brizé hat sich in den letzten Jahren als Spezialist für kleine, unspektakuläre, aber sehr feine Filme etabliert, die ans Herz gehen. Je ne suis pas là pour être aimé oder Quelques heures de printemps sind zwei Beispiele. Von letzterem Film hat Brizé gleich den Hauptdarsteller Vincent Lindon mitgenommen, der diesmal eine etwas offenere Figur verkörpert. Und das tut er hervorragend: Ohne dass er viel sprechen oder gestikulieren muss, wird in jedem Moment klar, was in ihm vorgeht.

Der Film besteht aus vielen längeren Einstellungen von scheinbar belanglosen Szenen: einem Tanzkurs, einem Bewerbungsgespräch via Skype, einem Weiterbildungskurs oder Situationen aus der Arbeit des Protagonisten. Gerade in diesen wird sein Zwiespalt zwischen Loyalität zum Arbeitgeber, von dem er abhängig ist, und persönlicher Integrität spürbar. Gerade deswegen sind solche Szenen spannend, auch ohne dass viel passiert. Die 90 Minuten sind definitiv keine verschwendete Zeit. Vielleicht sollten auch die Vertreter der höheren Etagen in Unternehmen gelegentlich mal einen Blick darauf wagen. Schaden kann's nicht.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Kommentare Total: 2

jon

Sehr schön! Selten einen formal so konsequenten Film gesehen. Praktisch alle Szenen werden in ungeschnittenen, dokumentarisch anmutenden Tele-Aufnahmen erzählt. Das verstärkt gleichzeitig die Authentizität und Klaustrophobie des Gezeigten. Vincent Lindon hat verdientermassen landauf und -ab Preise eingeheimst. Der Schluss war mir aber doch zu sehr "so what?".

4.5 Sterne

ebe

Filmkritik: Der Kaufhaus-Cop

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