The Chosen Ones - Las elegidas (2015)

The Chosen Ones - Las elegidas (2015)

  1. 105 Minuten

Filmkritik: "Ich würde alles für dich tun, immer. Und du für mich?"

11. Zurich Film Festival 2015
Ulises, Sohn eines Zuhälters
Ulises, Sohn eines Zuhälters © Studio / Produzent

Sofiá (Nancy Talamantes) lebt in Tijuana, Mexiko. Das Mädchen im zarten Alter von 14 Jahren wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Geprägt durch die Abwesenheit der Mutter, schaut zumeist sie auf ihren kleinen Bruder. Lichtblicke für ihre Existenz gibt es, als sie den - kaum älteren - Ulises (Óscar Torres) kennen- und lieben lernt. Für sie ist es die erste Liebe, für ihn ist es ein trügerisches Spiel.

Die minderjährigen Mädchen, welche ihre Körper verkaufen müssen
Die minderjährigen Mädchen, welche ihre Körper verkaufen müssen © Studio / Produzent

Schnell gewinnt er ihr Vertrauen und ihre volle Hingabe und kommt so dem Ziel der Familie näher: Er ist nämlich der Sohn eines Zuhälters und soll für seinen Vater blutjunge, naive Mädchen anlocken, welche schlussendlich zwangsprostituiert werden und für die Zuhälter Geld mit ihrem eigenen Körper verdienen sollen. Diesmal merkt Ulises allerdings, dass er echte Gefühle für Sofiá entwickelt hat und versucht, aus dem schwierigen, traditionellen Familiengeschäft auszubrechen, was sich als schwieriger erweist als erwartet.

Sozialkritisch, wie man es von lateinamerikanischen Filmen gewohnt ist, erzählt Las Elegidas das knallharte Schicksal von minderjährigen Mädchen in Mexiko, welche zur Prostitution gezwungen werden. Gezeigt wird nicht nur die Sicht der Mädchen, sondern vielmehr auch diejenige des Sohnes eines jener Zuhälter und dessen Aufgabe, junge Mädchen mit leeren Liebesversprechen anzulocken. Grauenhaft mitanzusehen, aber enorm stark umgesetzt und schauspielerisch sehr überzeugend gespielt, löst das Werk stets Unbehagen beim Betrachter aus, ist enorm verstörend und stimmt sehr nachdenklich.

Las Elegidas fühlt sich an wie eine Faust ins Gesicht. Es ist die tonnenschwere Thematik, die das Schauen des Films zeitweise beinahe ungeniessbar macht. Nicht, weil er schlecht wäre, nicht, weil er nicht genügend hergeben würde, sondern eben genau, weil er es tut und das Zuschauen schmerzt. Liebend gerne würde man eingreifen, den unaufhaltbaren Fluss ins Verderben und die tiefen menschlichen Abgründe abwenden. Oder zumindest einfach wegschauen.

Zwangsprostitution ist ein Thema wie eine Last, dazu kommt, dass wir es hier mit minderjährigen Mädchen, skrupellosen Zuhältern und einer korrupten Polizei zu tun haben. Chance auf ein Entrinnen? Keine! Oftmals sind es Filme aus Süd- oder Mittelamerika, welche solch heikle Themen gnadenlos aufzeigen und vors Gesicht halten, sei es zum Beispiel die Flucht aus der Armut in La jaula de oro oder ebenfalls die Prostitution und Zukunftslosigkeit in Las horas muertas. Stets ungeschönt und in voller Hässlich- und Grausamkeit wird einem nichts erspart. Dies kann als positiver Aspekt gelten, für eher zartbesaitete Zuschauer zu brutal daherkommen.

Der Film bietet eine sehr dichte und undurchdringliche atmosphärische Grundstimmung. Dabei spielt er mit der Stille: In den genau richtigen Momenten ist es totenstill, kein Soundtrack schönt das grausame Geschehen, wenn die Mädchen mit purer Gewalt zur Prostitution gezwungen und mit dem Gürtel verdroschen werden. Allein die Geräusche und markdurchdringenden Schreie lassen einen erschaudern. Im Freudenhaus herrscht ebenfalls Stille, nur die Geräusche von schwer atmenden Männern und schreienden Mädchen sind zu vernehmen. In den wenigen Szenen, welche musikalisch unterlegt sind, vermittelt ein Streichorchester sehr gut das Gefühl von Melancholie und Tragik.

Hervorzuheben ist die Kameraführung, die als einzige teilweise Gnade walten lässt und nicht voll daraufhält, wenn es schmerzt: So sind einige Szenen im Freudenhaus gar nicht oder nur aus der Distanz knapp durch einen Türrahmen erkennbar. Hervorragend dann die stilistisch eingesetzten Mittel: ein horizontaler Splitscreen, wo abwechselnd die Mädchen im Freudenhaus und Ulises beim Werben neuer Prostituierten zu sehen sind. Am meisten Lob verdienen aber die Szenen, in denen Sofia mit ihren Freiern schläft, dies aber so nicht sichtbar ist, sondern längere Aufnahmen von abwechselnd Sofia und dem Freier zu sehen und im Hintergrund die Geräusche beim Geschlechtsverkehr zu hören sind. Eine äusserst gelungene und kreative Lösung, um nicht blossstellend oder zu verstörend zu wirken.

Das Werk wechselt des Öfteren das Tempo, von ruhigeren, harmonischen Szenen der Zweisamkeit von Ulises und Sofia zu den Verfolgungsjagden, wenn diese aus dem Freudenhaus abhauen will. Die Schnitte und Flashbacks sind jedoch sehr überlegt und intelligent eingesetzt und trage zu der stets ungemütlichen Situation des Betrachters bei. Zwei unverbrauchte, stark aufspielende Schauspieler wirken stets glaubwürdig und verkörpern ihre Rollen mit einer selten gesehenen Souveränität und einer Einfühlsamkeit, die Tränen in die Augenwinkel treibt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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