Journal d'une femme de chambre (2015)

Journal d'une femme de chambre (2015)

Filmkritik: Das schmutzige Zimmermädchen

Léa Sexydou...äh...Seydoux
Léa Sexydou...äh...Seydoux © Carole Béthuel

Frankreich zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Das Zimmermädchen Célestine (Léa Seydoux) wird von Paris in die Provence geschickt, um auf einem noblen Anwesen seine Dienste zu leisten. Die Hausherrin bringt ihr keinerlei Sympathie entgegen und fordert von ihr eine exakteste und sorgfältigste Arbeitsweise. Ganz im Gegenteil zu deren Mann, welcher sich bei der ersten Begegnung bereits als unanständiger Lustmolch entpuppt und Célestine lieber zum Spielchentreiben einladen möchte. Das schlaue Zimmermädchen lässt sich jedoch von seinem unangenehmen Hausherren nicht unterkriegen und entgegnet den beiden mit viel Selbstbewusstsein und zunehmends sogar etwas vorlaut.

Célestine beginnt sich für den mysteriösen und treu ergebenen Hausdiener Joseph (Vincent Lindon) zu interessieren, der zunächst kein Wort mit ihr wechseln will. Als sich die beiden näher kennen lernen, merkt Joseph, dass er Célestine falsch eingeschätzt hat. Und sie ihn auch, denn zu ihrer grossen Überraschung macht er ihr ein sehr unmoralisches Angebot...

In Journal d'une femme de chambre beweist Léa Seydoux als aufreizendes Zimmermädchen mit intensiven Blicken und kecken Sprüchen, warum sie zu den gefragtesten Schauspielerinnen auf dem Planeten gehört. Benoît Jacquots Film sorgt für einige Lacher und geht spielerisch mit den Machtverhältnissen der französischen Klassengesellschaft um. Leider lässt das Drehbuch zu wünschen übrig. Die Haupthandlung folgt keinem roten Faden, die Nebenhandlungen nehmen plötzlich die Oberhand und die Story endet abrupt.

Benoît Jacquot (Les adieux à la reine, 3 coeurs) ist bereits der dritte Regisseur, der den berühmten Roman "Le Journal d'une femme de chambre" für eine Verfilmung adaptiert. 1946 war es Jean Renoir und 1964 Luis Buñuel, welche sich Octave Mirbeaus Werk aus dem Jahre 1900 bedienten.

Mit der Besetzung der Hauptrolle hat Jacquot einen Volltreffer gelandet: Léa Seydoux gehört zurzeit zu den gefragtesten und talentiertesten Schauspielerinnen weltweit. In Journal d'une femme de chambre verkörpert sie die Rolle des pflichtbewussten, aber gleichzeitig auch frechen und selbstsicheren Zimmermädchens perfekt. Ihre Aufgabe, in einem antiken weiten Kammerzofen-Kostüm verführerisch und sexy zu wirken, meistert sie bravourös. Jacquot ergründet ihre Sexualität nicht in ihrem Körper, sondern in ihren Blicken und ihrer Mimik. Ihre sehnsüchtigen Blicke strahlen pure Lust aus! In diesem Zusammenhang leistet auch die Kamera vorzügliche Arbeit. Regelmässig zoomt sie schnell auf Seydoux' Gesicht in Grossaufnahme ran und fokussiert auf die Intensität ihrer Gesichtsausdrücke.

Auch Vincent Lindon erledigt seine Aufgabe gut als grimmiger, treu ergebener Diener, der die Mitmenschen von seinem antisemitischen Glauben überzeugen will. Hingegen ist zu bemängeln, dass die Beziehung zwischen Célestine und Joseph nicht sehr authentisch wirkt und der Funke zwischen den beiden nicht wirklich rüberspringt.

Sehr ansprechend gestaltet sich das Setting des Films. Von der Kostümierung bis hin zu den noblen Villen mit grossen Gartenanlagen und schönen Aufnahmen am Meer bietet Journal d'une femme de chambre einiges fürs Auge. Und auch für einige Lacher sorgt Jacquots Werk. Sehr amüsant wird es, wenn Célestine ihren Hausherren freche Sprüche hinterlässt, bevor sie sich an die Arbeit macht - aber niemals zu laut, nur so, dass die zwei alten ihren Ohren nicht richtig trauen. Auch des Hausherrn unbändige Begierde nach einer sexuellen Beziehung zu Célestine führt zu ein paar witzigen Szenen. Der Film offenbart ein interessantes Verhältnis zwischen den Adligen und ihren Dienern. Die Mächtigen scheinen eher abhängig zu sein von den Untergebenen als umgekehrt...

Leider versagt der Film jedoch bei der Story bzw. beim Drehbuch. Lange bleibt unklar, was genau das Motiv der Hauptfigur Célestine ist. Der Film scheint kein richtiges Ziel zu verfolgen, und Nebenhandlungen werden plötzlich wichtiger und interessanter als der Haupthandlungsstrang. Sehr passend zum chaotischen Verlauf fällt es dem Film schwer, einen Schluss zu finden und die Geschichte endet abrupt.

Gianluca Izzo [gli]

Gianluca ist seit 2013 als Freelancer für OutNow tätig. Er liebt es, verborgene Perlen an Filmfestivals zu entdecken, insbesondere in Venedig. Neben seinem Faible für italienische und skandinavische Filme bewundert er die Werke von Scorsese, Lynch, Villeneuve und Chazelle sowie die Bond-Klassiker.

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