Janis: Little Girl Blue (2015)

Janis: Little Girl Blue (2015)

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  2. 103 Minuten

Filmkritik: If you're going to San Francisco...

Enough said?
Enough said? © Xenix Filmdistribution

Das ist also Janis Joplin. Mit ihrer strohigen Mähne eher unscheinbar, etwas burschikos im Gesicht, dann diese verschmitzten, immer grinsenden Augen. Janis, dieses Mädchen, das schon früh realisiert, dass es Aufmerksamkeit erhält, wenn es Unruhe stiftet. Sie kleidet sich extravagant, wird aufgrund liberaler Äusserungen zur Zielscheibe von Ku-Klux-Klan-Anhängern und streitet sich gerne im häufigen nächtlichen Ausgang. Eine Frau mit Ecken und Kanten, die heute wohl nicht mehr allzu viel Aufsehen erregen würde. Doch im ultrakonservativen Texas der Fünfzigerjahre stiftet eine Frau, die sich nicht strikt an die Regeln hält, Unruhe. Die Quittung ist für die junge Janis hart: Sie wird ausgelacht, verspottet und zum "ugliest man" ihrer Uni gewählt.

Never sung enough!
Never sung enough! © Xenix Filmdistribution

Dann das Erweckungserlebnis: Getrieben, zerrissen und unglücklich stimmt sie eines Abends im Freundeskreis ein Lied an und singt sich den Frust vom Leib. Die erstaunten Gesichter lassen keinen Zweifel daran offen: Mit einer solchen Stimme hat keiner gerechnet. Janis Joplin beginnt an ihrer Karriere zu arbeiten und folgt bald dem Ruf nach San Francisco, wo man sie sich als Leadsängerin einer Rock-Band wünscht. Janis scheint glücklich, doch das ständige Sex-Drugs-and-Rock'n'Roll-Dasein fordert immer wieder hohen Tribut.

Mit Janis: Little Girl Blue ist der Regisseurin Amy Berg eine intime und intensive Hommage an die 27-jährig verstorbene Janis Joplin gelungen. Die Filmbiographie geht mit dem jungen, ausgeflippten Mädchen aus Texas nochmals die wichtigsten Stationen ihres Lebens durch und kondensiert daraus nicht nur ein griffiges Bild der Sängerin, sondern auch ein aufschlussreiches Dokument über die Flower-Power-Zeit. Ein Film zum Wieder- und Neuentdecken der grossen Queen of Bluesrock.

Zweifelsohne gibt das actionreiche Leben der Sängerin Janis Joplin (1943-1970) genügend Stoff für eine gute Filmbiographie her, und Regisseurin Amy Berg (Deliver Us from Evil, West of Memphis) zögert nicht damit, auf diese Fülle an Zeitzeugnissen zurückzugreifen. Unter anderem arbeitet sie mit teils unveröffentlichten Briefen Joplins, lässt Weggefährten, Geschwister und Zeitzeugen zu Wort kommen und bringt (vielleicht etwas zu selten) das grösste und authentischste Zeugnis des Lebens Joplins ein: ihre atemberaubende und immer "full, full, full power" vorgetragene Musik.

Auch Janis: Little Girl Blue gibt kaum eine Verschnaufpause. Mit der ersten Sekunde ist man im Kosmos des diesigen Joplinschen Blues-Rock-Folk-Gemisches. Diese persönliche Atmosphäre schafft eine Intimität und Nähe zur Sängerin, die von Beginn an packt. Das vielfältige Bildmaterial erzeugt Tausende von Eindrücken, die einen Wettstreit der Sinne provozieren. Soll man sich nun ganz der kräftigen Stimme oder eher dem ebenso verlockenden Charisma der Sängerin hingeben? Es ergeht einem wohl so wie den Hippies, die zu einem der Joplin-Konzerte am legendären Monterey Pop- und Woodstock-Festival gepilgert sind - Janis lives!

Der Griff in die Flower-Power-Kiste macht sich auch filmisch bezahlt und unterstützt dieses Zeitreise-Gefühl. Farbenreiche, experimentelle Sequenzen und die überwiegende schummrige Late-Sixties-Bildqualität erinnern durchweg an die Musikvideos zu "A day in the life" (The Beatles) oder "Bohemian Rhapsody" (Queen). Explosiv, ekstatisch, orgiastisch, lebhaft, exzessiv Rock'n'Roll und Lebenslust zum Trotz, steckt hinter der unbändigen Urgewalt dieser "black voice" ein verletzliches, hochsensibles Mädchen, das sich neben der Bühne in Minderwertigkeitskomplexen, unglücklichen Liebschaften, trostloser Einsamkeit und einer verheerenden Heroinsucht verliert.

So wird Janis Joplin zum Prototyp für den erfolgreichen Musiker dieser Zeit und geradezu femininer Doppelgänger des Jahrtausendidols Elvis Presley (1935-1977). Janis: Little Girl Blue vergisst sich nie in Lobhudeleien oder ergiesst sich im Schwärmerischen. Der Film bleibt auch in den von Joplin distanzierten Momenten derart zart und intim, dass man es bisweilen kaum glauben will, dass diese Janis zu einer der am meisten verehrten Kult-Rock'n'Roll-Sängerinnen aller Zeiten geworden ist. Zu diesem Eindruck trägt auch die Country-Rockerin Chan Marshall bei, die mit rauchiger Stimme Joplins Briefe liest. Nicht zuletzt dank ihr gewinnt man zuletzt eine neue gute Freundin über die 100 Minuten des Films hinaus.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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