Into the Forest (2015)

Into the Forest (2015)

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Filmkritik: With no power comes great responsibility

40th Toronto International Film Festival
Tank Girls
Tank Girls

Nell (Ellen Page) lebt mit ihrer Schwester Eva (Evan Rachel Wood) und ihrem Vater Robert (Callum Keith Rennie) in einem abgelegenen Haus irgendwo in den kanadischen Wäldern. Die nächste Stadt ist über 40 Kilometer entfernt. Die Abgeschiedenheit ist ideal für die beiden jungen Frauen: Die Studentin Nell büffelt für ihre nächsten Prüfungen, während die Tänzerin Eva für ein wichtiges bevorstehendes Casting trainiert.

Doch dann gehen im Haus plötzlich die Lichter aus: Stromausfall! Am Anfang nehmen sie's noch gelassen, Kerzenlicht hat ja was ganz Romantisches. Doch schon bald zeichnet sich ab, dass es sich dabei nicht nur um einen lokalen Unterbruch handelt: Offenbar ist auf dem ganzen nordamerikanischen Kontinent flächendeckend der Strom ausgefallen. Ob und wann dies behoben werden kann, ist unbekannt. So stellt sich die Familie auf eine längere Zeit ohne Strom ein. In der Stadt können sie mit Müh und Not noch einige Reservekanister Gas besorgen, die sie sich für Notfälle aufsparen. Die Essensvorräte sind noch zahlreich, vorerst ist das Überleben gesichert. Doch dann passiert ein verhängnisvoller Unfall...

Auch wenn Into the Forest ein apokalyptisches Szenario zugrunde liegt, macht der Film von Patricia Rozema auf Psychologie statt Action. Es gibt wohl keinen anderen Survival-Film, in dem sich die Protagonisten dermassen viel umarmen. Doch gerade darin liegt die Stärke des Filmes: Mit seiner konsequent charakterorientierten Erzählweise grenzt er sich wohltuend von den zumeist handlungsorientierten Vertretern der Genre-Konkurrenz ab. Erst gegen Schluss erliegt er dann doch noch der Versuchung, die Dramatik-Schraube anzuziehen. Nötig wär's nicht gewesen.

Die Abhängigkeit der Menschheit vom Strom bewegt sich ja heute auf einem Niveau, das über die Frage hinausgeht, wo man sein iPhone aufladen kann. Dies illustriert Into the Forest sehr schön: Ärgern sich die Protagonistinnen anfangs noch hauptsächlich darüber, dass sie nicht mehr mit ihrem Tablet lernen können oder ohne Musik tanzen müssen, steht je länger, je mehr der Kampf ums Überleben im Vordergrund. Dies ist jedoch ein langsamer Prozess. Im Film von Patricia Rozema rennen nicht gleich nach einer Viertelstunde schreiend Leute rum, es erklingen weder Polizeisirenen, noch schwirren Army-Helikopter durch die Luft. In der Abgeschiedenheit des Waldes scheint zunächst alles wie bisher: ruhig und friedlich.

Überhaupt: Für einen Film, der angesichts des Themas wohl als Katastrophenfilm durchgehen könnte, ist die Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jean Hegland betont zurückhaltend und langsam inszeniert - ein bisschen wie Lars von Triers Melancholia, wobei Regisseurin Rozema allerdings den Fokus weniger auf die Bilder, sondern mehr auf die Psychologie zwischen den beiden Protagonistinnen fokussiert, die auf sich alleine gestellt sind. Mit Ellen Page und Evan Rachel Wood stehen dafür zwei wunderbare junge Hauptdarstellerinnen bereit, die die Intimität, die durch die ständige Nähe noch verstärkt wird, überzeugend umzusetzen wissen. Durch die Ruhe, die der Film ausstrahlt, kommt diese Intimität sehr schön zur Geltung - dafür braucht es auch kein iPhone.

Wer sich übrigens dafür interessiert, wie denn dieser Stromausfall zustande gekommen ist, wird leider enttäuscht: Der Film nimmt konsequent die Perspektive der Protagonistinnen ein, die nun mal mangels Informationsmöglichkeiten höchstens Gerüchte über Gründe und Ursachen zu Ohren kriegen. Die Drehbuch-Entscheidung, die Zuschauer nicht mehr wissen zu lassen als die Protagonistinnen, ist zudem auch deswegen die richtige, weil umständliche Erklärungen nur vom eigentlichen Filmthema abgelenkt und ein Potenzial für Logiklücken offengelegt hätten.

Solche Logiklücken sind bei Into the Forest nur ansatzweise auszumachen. Eher störend ist da eine übertriebene und unglaubhafte dramatische Wendung gegen Ende des Filmes. Ein wenig scheint es, als hätten die Macher plötzlich Angst vor ihrem eigenen Mut gekriegt, einen (Katastrophen-) Film zu drehen, dem es an spektakulären Ereignissen fehlt. Doch solche bräuchte es gar nicht. Die beklemmende Einsamkeit in der einsamen Umgebung ist spektakulär genug.

/ ebe

Kommentare Total: 2

db

Sehr gut besetzt und ein erfrischend anderer Ansatz an das Scenario. Leider fällt der eigentliche survival Aspekt erneut zu kurz aus und der letzte Drittel wirkt im Vergleich zum sehr gut konstruierten Anfang - äusserst gesucht und konstruiert.

3.5

ebe

Filmkritik: With no power comes great responsibility

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Trailer Englisch, 01:39