Halbe Brüder (2015)

Halbe Brüder (2015)

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  2. 116 Minuten

Filmkritik: Pausbäckige Phantombilder

Andacht ich's mir.
Andacht ich's mir. © Universal Pictures Switzerland

Um seine Familie zu ernähren, radelt Julian (Sido) als trickreicher Putzmittelvertreter in Berlin herum. So hat sich schon ein beachtliches Vermögen angehäuft, das er aber für den Nachwuchs auf einer Bank blockieren lässt, bis die Töchter 18 sind. Addi (Tedros Teclebrhan) ist ein Hobby-Rapper, der auf den Durchbruch hofft, weshalb ihm die Schwangerschaft seiner Freundin gerade nicht wirklich in den Kram passt. Yasin (Fahri Yardim) hingegen wurde reich durch Adoption, möchte sich aber von seinem Unternehmer-Papa emanzipieren. Die drei kennen sich nicht, bis ihnen ein Nachlassverwalter (Samuel Finzi) eröffnet, dass sie alle dieselbe Mutter haben, welche vor kurzem verstorben sei.

I believe I can fly.
I believe I can fly. © Universal Pictures Switzerland

Den frisch gebackenen Halbbrüdern winkt ein Erbe, wenn sie sich auf eine Schnitzeljagd durch Deutschland begeben. Die Mama, welche auch noch Nonne war, hat als ersten Hinweis eine mysteriöse Postkarte hinterlassen. Julian hat zuerst kein Interesse, sich mit seiner neuerdings erweiterten Verwandtschaft herumzuschlagen. Als aber ein rosa Inkassokanichen vor seiner Wohnung steht - abkommandiert vom fiesen U-Bahn Lemelle (Charlie Hübner), bei dem er Wettschulden hat, wäre etwas Extra-Kohle trotzdem nicht schlecht. So beginnt ein Roadtrip via Frankfurt und Köln an die Ostsee, damit die drei ungleichen Männer vielleicht doch noch rechtzeitig an Mamas Sümmchen kommen.

Hip-Hop-Star Sido auf den Spuren der erfolgreichsten deutschen Kinofilmer? An der Seite von Schweiger-Spezi Fahri Yardim und mit einem Script eines Schweighöfer-Drehbuchautors agiert er entgegen seinem Image als netter Bünzli auf einem Gute-Laune-Roadtrip durch den grossen Kanton. Das ist selten witzig, mit knapp zwei Stunden überlang, manchmal schwulenfeindlich und immer altmodische Frauenbilder propagierend. Auch mit Vollbart, im Anzug und als fürsorglicher Papa ist mit Sido auf der Leinwand irgendwie immer noch alles wie bei seinen Raps von früher.

Blutzbrüdaz, der erste Kinofilm von Paul Würdig, wie Sido mit bürgerlichem Namen heisst, war noch autobiographisch angehaucht. Mit Halbe Brüder bleibt zwar die verwandtschaftliche Verbindung im Titel, aber Sido löst sich ein wenig vom Rapper-Image. Die Homeboy-Klischees forciert diesmal der Youtube-Komiker TeddyComedy (bürgerlich Tedros Teclebrhan). Teclebrhan ist aus Afrika, Fahri Yardim der Türke und Sido symbolisiert den erfolgsorientierten deutschen Mittelstand. Aus dieser Ausgangslage dreier Halbbrüder, bei dem "Deine Mutter..."-Witze schon mal schlecht funktionieren, versucht das Drehbuch von Doron Wisotzky (Schlussmacher, What a Man) eine Komödie zu basteln. Die unterschiedlichen Hautfarben müssen des Öfteren für Lacher herhalten - bis zu einem Gastauftritt von Roberto Blanco. Ebenso gibt's viel Darmwind und etwas Guy-Ritchie-Mimikry.

Zu einem flüssigen Ganzen wird das nie. Die Story wirkt cliphaft, mit ihren aneinandergereihten Gags, die auch für sich alleine funktionieren müssen. Die richtigen Schauspieler geben ihr Bestes, "Darsteller" wie Teddy, Sido und Wilson Gonzalez Ochsenknecht sind zumindest überzeugend. Aber warum 116 Minuten für einen Spass zwischendurch? Ärgerliches wie Schlammcatchen in einer Schwulenbar, bei dem es nur darum geht, Nasen in Hodennähe zu platzieren und vor allem die ultra-simplen Frauenfiguren hätte man sich sparen können. Der Mavie Hörbiger als besorgtes Heimchen ist das Kleinkind quasi an den Arm gewachsen und Violetta Schurawlow ist so etwas wie "Brüste auf Beinen", welche im Film nur auftaucht, damit die verklemmteste Figur entjungfert werden kann ein. Entweder mütterlich oder willig also. Und damit ist es dann auch nicht mehr weit zu "Alles Schlampen ausser Mutti" und Sidos Ursprüngen als Gangsta. Seine Fans werden es mögen. Alle anderen weniger.

Roland Meier [rm]

Roland sammelt 3D-Blu-rays, weil da die Publikationen überschaubar stagnieren, und kämpft im Gegenzug des Öfteren mit der Grenze der Speicherkapazität für Aufnahmen bei Swisscom blue TV. 1200 Stunden Film und Fernsehen ständig griffbereit sind ihm einfach nicht genug.

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