Green Room (2015)

Green Room (2015)

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  2. 94 Minuten

Filmkritik: Headbangen auf eigene Gefahr

Bitte lächeln!
Bitte lächeln! © Praesens Film

Das Leben als Underground-Punkband ist nicht leicht: Pat (Anton Yelchin), Sam (Alia Shawkat), Reece (Joe Cole) und Tiger (Callum Turner) sind als «Ain't Rights» durch die Kleinstädte Oregons unterwegs und spielen in schäbigen Bars vor einer Handvoll desinteressierter Stammgäste. Wenn sie mal wieder kein Benzin haben, schleichen sie auf einen Parkplatz und zapfen den Tank der dortigen Autos an. Anarchy in the U.S. eben!

Über den Cousin eines Bekannten erhalten sie eines Tages ein verlockendes Angebot: An einem kleinen Punk-Festival in einem abgelegenen Club sollen sie frühnachmitags einen Gig spielen und dafür ordentliche 350 Dollar kassieren. Der Haken: Das Publikum besteht praktisch ausschliesslich aus Skinheads. Tatsächlich verläuft das Set nahezu problemlos, doch als sie anschliessend in ihren Aufenthaltsraum («Green Room») zurückkehren, findet die Band dort ein brutal ermordetes Mädchen vor. Was tun? Clubbesitzer Darcy (Patrick Stewart) ist auf jeden Fall gar nicht erpicht darauf, die Zeugen einfach laufen zu lassen...

Regisseur Jeremy Saulnier selbst beschreibt Green Room als "crazy punkrock horror thriller" und versteht ihn als Hommage an die blutigen Genrefilme der Achtziger. Entstanden ist ein atmosphärisch dichter und über 90 Minuten spannender Film, der sich allerdings nicht ganz entscheiden kann, ob er ultraharter Psychothriller oder Party-Slasher-Horror sein will. Für einen Psychothriller ist er zu trashig und blutrünstig, für einen Splatterfilm zu ernst und zu mager an Haudrauf-Szenen. Langweilen wird sich bei Green Room aber gewiss niemand. Und Patrick Stewart als Nazi-Oberbösewicht sieht man auch nicht jeden Tag.

Jeremy Saulnier stellt bereits seinen zweiten Film an der Quinzaine des réalisateurs in Cannes vor, nachdem er dort 2013 mit Blue Ruin für Aufsehen gesorgt hatte. Doch während dieser Film seine Revenge-Story noch in Arthouse-Ästhetik verpackt und mit viel Indie-Charme angereichert hatte, geht Saulnier nun den Weg eines geradlinigen Genrefilms. Tatsächlich fühlt sich Green Room etwas an wie die finale Shootout-Sequenz von Blue Ruin, gestreckt auf 90 Minuten. Damit wird Saulnier sicher gewisse Fans verlieren, aber wohl auch so manche neue gewinnen.

Was den Film von anderen Slasher-, Revenge- und Siege-Horrofilmen abhebt, ist das Setting: Für einmal besteht die Gruppe der jugendlichen Protagonisten nicht aus College-Schnöseln auf Urlaub, sondern aus einer Punkband, die durch einen blöden Zufall in die Hände von Skinheads gerät. Auch das mag nicht die originellste Grundidee des Jahres sein, verleiht dem Film aber genügend Frische und Eigenständigkeit, zumal es Saulnier gelingt, das Milieu und die Gruppendynamik in der Band authentisch zu zeichnen. Zwar sticht niemand der Darsteller so richtig hervor (höchstens die später dazustossende Imogen Poots), man kann sich aber unschwer in die Figuren hineinversetzen und fiebert bis zum Schluss mit.

Zu verdanken ist das auch der gelungenen Atmosphäre, die sich durch den ganzen Film zieht. Die Hauptlocation, das Clubhaus im Wald mit seinem verwinkelten Backstage-Bereich und den schäbigen Zimmern, ist exzellent ausgestattet und von Kameramann Sean Porter (Kumiko, the Treasure Hunter) düster und klaustrophobisch in Szene gesetzt. Die Gewaltszenen sind brachial, und Saulnier konfrontiert den Zuschauer aus dem Nichts mit blutigen Grossaufnahmen. Handelt es sich hier also um einen astreinen Horrorfilm?

Nicht wirklich: Zu viel Zeit wird darauf verwendet, die psychologische Lage der Punks glaubwürdig zu inszenieren und sie nicht zu übermenschlichen Actionhelden werden zu lassen - es bleiben verstörte Kids, die völlig überfordert mit der Situation sind und sich kaum gegen die Angreifer wehren können. Das ist an sich löblich, beisst sich aber mit der Darstellung der Skinheads, die grösstenteils als Klischee-Nazis und Comicbuch-Bösewichte auftreten. So wirken die ausgedehnten Verhandlungsszenen vor der endgültigen Eskalation ein wenig überflüssig, da der Zuschauer längst weiss, dass es am Schluss so oder so zum grossen Shootout kommen wird.

Es könnte ratsam sein, dass Saulier für sein nächstes Projekt einen Drehbuchautoren hinzuzieht, der ihm dabei hilft, eine kohärentere und ausgereiftere Geschichte zu entwickeln. Das Potenzial und die guten Ansätze sind auf jeden Fall vorhanden, und für einen kurzweiligen Filmabend mit einigen abgekauten Fingernägeln reicht Green Room locker.

/ Jonas Ulrich [jon]

Kommentare Total: 4

gascoigne

Nach "Blue Ruin" nun "Green Room".

Grossartige Filme von Jeremy Saulnier (Regie & Drehbuch)!

Wie wird der nächste Film heissen? "Purple Rain"? "Yellow Submarine"? "Red Dawn"? :-D

Narcissus

nazi Punks fuck off!

gascoigne

The Ain't Rights? The Aren't Rights?

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