Go Home (2015)

Go Home (2015)

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  2. 98 Minuten

Filmkritik: Manchmal solltest du nicht in der Vergangenheit wühlen...

51. Solothurner Filmtage 2016
Herzlich willkommen im Libanon
Herzlich willkommen im Libanon © filmcoopi

Nada (Golshifteh Farahani), eine junge Frau, lebhaft in Paris, kehrt nach Jahren in den Libanon zurück, ihre ursprüngliche Heimat. Sie wohnt fortan in den Ruinen ihres zerstörten und geschändeten Elternhauses - vorerst nur sie alleine, gegen alle Widersacher und Feinde, welche sich die Familie im Laufe der Zeit gemacht hat. Aber Nada ist im Libanon eine Fremde, zu lange war sie fort, zu sehr macht sich die westliche Kultur bemerkbar, welche sie als eigenständige, emanzipierte Frau gelebt hat. In den Wirren des durch Bürgerkriege gezeichneten Landes taucht sie in die Vergangenheit ein und versucht anzuschliessen an ihre kindheitlichen Erinnerungen.

Kulturschock im Heimatland
Kulturschock im Heimatland © filmcoopi

Nada begibt sich auf die Suche, nach ihrem im Krieg verschollenen Grossvater. Im Stillen hofft sie auf Versöhnung, kämpft gegen Ängste, in der Hoffnung, dabei zu sich selbst und zu ihren Ursprüngen zu finden. Nadas Bruder Samir (Maximilien Seweryn) unterstützt sie erst zögerlich, dann aber mit vollem Herzblut dabei, den Körper des ermordet vermuteten Grossvaters zu finden.

Go Home ist eine Suche nach der eigenen Identität, nach den Wurzeln, den Ursprüngen. Eine brisante, emotionale Thematik, die leider nicht ganz so packend auf den Punkt gebracht wurde, wie dies zum Beispiel bei Die Schwalbe der Fall war. Es bleiben zu viele Fragen im Raum stehen und es geschieht lange zu wenig. Die Relevanz ist dem Thema aber keinesfalls abzusprechen. Das Werk ist sehr dialoglastig, was es nicht unbedingt schneller vorantreibt. Optisch ist es aber makellos, und der Soundtrack ist ebenfalls sehr passend.

"GO HOME" steht in grossen Lettern an der Wand, als Nada eines Nachts durch ein Geräusch in ihrem Elternhaus geweckt wird und feststellen muss, dass wohl (wieder) jemand in besagtem Haus war, welches Jahre lang leerstand, nun aber von ihr bewohnt wird. Im Dorf wird nicht goutiert, dass sie als junge Frau alleine aus Paris angereist kam und - noch schlimmer - vorhat, tief in ihrer vergangenen Familiengeschichte zu wühlen. Go Home zeigt dem Betrachter sehr schön auf, welchen Stellenwert Ehre und Stolz, aber auch Familienzusammenhalt in nahöstlichen Kulturkreisen besitzen. Vergeben wird nicht schnell, vergessen gar nicht.

Das Fundament wäre eigentlich gelegt für ein emotionales, tragisch-mitreissendes Werk, die Szenerie im von Krieg und Zerstörung geplagten Libanon, eine auseinandergerissene Familie - wären da nicht noch etliche Stolpersteine, über welche Go Home fällt: Das Werk verliert sich leider viel zu schnell selbst und weiss irgendwann nicht mehr so genau, wo es hinwill und vor allem -soll. Es werden mehr Fragen aufgeworfen, als schlussendlich beantwortet werden. Bei der langen Suche nach ihrem Grossvater erhalten die Geschwister Nada und Samir vorerst überhaupt keine Hinweise, dann überschlagen sich die Ereignisse beinahe, und es gipfelt in einem unbefriedigendem Ende. Kurz gesagt: Es geht zu schnell, nachdem lange nichts passiert ist.

Ebenfalls leidet der Film an seiner Unentschlossenheit: Viele Dinge werden nur noch angeschnitten und erscheinen kaum logisch. Dies ganz im Gegensatz zum Beginn, wo die Themen teilweise in Dialogen ertränkt werden, das Geschehen sich dahinzieht wie zähe Kaugummimasse und vieles zu Tode diskutiert wird. Es gibt Stellen, welche regelrecht langweilig wirken, andere hingegen sind sehr skurril, beispielsweise diejenige, in der sich Nada und Samir gegenseitig beinahe minutenlang beschimpfen und der Betrachter nie ganz einordnen kann, wie ernst die Szene zu nehmen sei.

Positiv hervorzuheben ist ein bestimmtes Flashback, welches ungefähr viermal auftaucht, allerdings jedesmal unterschiedlich viel zeigt. So werden dem Betrachter verschiedene Perspektiven der Szene suggeriert, und er wird im Unklaren gelassen, wie sich diese Szene abgespielt haben könnte - ein gut getroffenes Stilmittel zur Förderung von Spannung.

Nada selbst erscheint dem Betrachter stets als starke, selbstständige junge Frau, in Wirklichkeit ist sie aber noch immer das kleine, innerlich schwache und unsichere Mädchen, welches die Vergangenheit nicht loslassen und die Gegenwart kaum akzeptieren kann. Dies stellt die Hauptdarstellerin Golshifteh Farahani gekonnt dar. Maximilien Seweryn als Samir macht seine Arbeit auch ganz ok, auch wenn er nicht unbedingt wie ein Libanese erscheinen mag. Einen grossen Pluspunkt der Produktion stellt der traditionell libanesische Score dar, welcher sich nahtlos in die staubige Landschaft einfügt und die Charaktere gekonnt umgarnt.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Trailer Originalversion, mit deutschen und französischen Untertitel, 01:30