Francofonia (2015)

Francofonia (2015)

  1. , ,
  2. 88 Minuten

Filmkritik: Kannst du Kunst?

Sie hatten eine lange Nacht im Museum.
Sie hatten eine lange Nacht im Museum. © look now

Paris, 1940: Frankreich ist von den deutschen Truppen besetzt. Jacques Jaujard (Louis-Do de Lencquesaing), Direktor des weltberühmten Louvre, erhält Besuch von Franz Graf Wolff-Metternich (Benjamin Utzerath), seines Zeichens Leiter des "Kunstschutzes" der Wehrmacht, dessen Aufgabe darin besteht, die Kulturgüter des besetzten Frankreich vor Zerstörung oder Raub zu schützen.

Bei den Nazis hat die Kunstschutz-Einheit aber keinen grossen Rückhalt - lieber plündern die ranghohen Offiziere des Regimes die Museumsbestände und bringen die wertvollen Kunstschätze in ihren eigenen Besitz. In dieser schwierigen Situation spannen die beiden Kunstliebhaber Jaujard und Metternich zusammen und versuchen, von den Beständen des Louvre zu retten, was zu retten ist. Napoléon Bonaparte (Vincent Nemeth) und die französische Nationalheldin Marianne (Johanna Korthals Altes) finden das ebenfalls eine gute Idee.

Wenn ein Film von den Promotoren als "Meditation" angepriesen wird, sollte bei den Zuschauern schon mal eine Warnglocke läuten: Aha, das ist ein Film, der gar nicht erst versucht, in irgendeiner Weise kohärent zu sein, geschweige denn eine Geschichte zu erzählen. Wem das gefällt - nun denn. Für alle anderen gilt: Finger weg! Sokurovs unzweifelhaft vorhandene technische Virtuosität schlägt sich zwar teilweise in Bildern nieder, die man am liebsten rahmen möchte. Doch nach einer Weile geht der nur lose zusammenhängende kunstgeschichtliche Monolog nur noch auf die Nerven.

Irgendwann, wenn sich der Film langsam dem Ende entgegenneigt, macht der unablässig aus dem Off sprechende Aleksandr Sokurov auf "Meta" und wendet sich direkt an die Zuschauer. Ob er sie schon langweile, fragt er sie. "Ja, sehr!", möchte man da laut im Kino rufen, tut es aber natürlich nicht, denn damit würde man sich vor den ebenfalls im Kino anwesenden Schöngeistern ja eine Blösse geben. Ja, Francofonia ist einer derjenigen Filme, bei der sich beim Zuschauer dieses latente Gefühl der intellektuellen Unterlegenheit einschleicht, dieses unangenehme Gefühl, es "vielleicht einfach nicht zu verstehen". Durch seine konsequente Verweigerung, sich an gängige Erzählmuster zu halten, ergibt dies ein Prachtexemplar der Sparte Hardcore-Arthouse.

Das allein muss noch kein Negativpunkt sein. Es wäre aber schon gut, wenn es der Film wenigstens ansatzweise schaffen würde, beim Zuschauer irgendetwas anzusprechen, was diesen dazu bewegt, die eigenen Hirnzellen etwas anzustrengen - oder nur schon dem assoziativen Philosophieren des Regisseurs einigermassen zu folgen. Doch dies tut er leider nicht. So reibt man sich irgendwann verwundert die Augen, wenn plötzlich Napoléon Bonaparte und Marianne durch den Film surfen. Hat man da irgendwas verpasst?

Aleksandr Sokurov, Venedig-Gewinner 2011 mit seiner Faust-Adaption, hat mit Francofonia eine So-etwas-wie-Fortsetzung seines gefeierten Films Russian Ark aus dem Jahr 2002 gedreht. In einer einzigen Einstellung hat er damals einen Rundgang durch die Eremitage inszeniert und davon ausgehend mit riesigem Aufwand eine Tour d'Horizon durch die russische Geschichte inszeniert.

In seinem aktuellen Film verzichtet Sokurov auf das One-Shot-Gimmick, dafür tobt er sich mit anderen Stilmitteln aus. Im stilistischen Bereich sind denn auch die wenigen positiven Aspekte des Filmes zu finden. So wirken seine sorgfältig komponierten, in matte Farben getauchten Bilder teilweise selbst wie Gemälde. Das ist wunderschön, genauso wie der Score von Murat Kabardokov. Hier drückt die künstlerische Brillanz des Regisseurs durch - würde er doch nur die Geschichte erzählen, die er eigentlich erzählen könnte. Denn im Kern ist eine solche tatsächlich vorhanden: Wie die eigentlichen Kontrahenten Jaujard und Metternich zusammenspannen, um die Kunstschätze zu retten, hätte man auf durchaus interessante Weise filmisch aufbereiten können. Sokurov weigert sich jedoch, den konventionellen Weg zu gehen. Das ist sein gutes Recht. Doch wir weigern uns im Gegenzug, den Film zu mögen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

  1. Artikel
  2. Profil
  3. E-Mail
  4. facebook
  5. Twitter
  6. Instagram
  7. Letterboxd

Kommentare Total: 3

Granunaile

Ich hatte zunächst, während einiger Minuten Mühe, mich in den Film hineinzufinden. Nach und nach hat mich der Film - als Dokumentarfilm mit gewissen Freiheiten, als vorgetragenes Essay mit kulturphilosophischen - und -historischen Gedanken, das ganze mit schauspielerischen Einlagen - sehr angesprochen und fasziniert.

El Chupanebrey

Grossartiges Begleitwerk zu Russian Ark mit IMO faszinierenden Gedanken zu Kunst, Politik und dem europäischen Ideal. Hätte gut nochmal 90 Minuten schauen können.

5.5

ebe

Filmkritik: Kannst du Kunst?

Kommentar schreiben