Die dunkle Seite des Mondes (2015)

Die dunkle Seite des Mondes (2015)

  1. 97 Minuten

Filmkritik: Das muesi grad am Urs verzelle

11. Zurich Film Festival 2015
Der Kapitän und sein Matrose
Der Kapitän und sein Matrose © filmcoopi

Er ist der Beste seines Fachs: Wirtschaftsanwalt Urs Blank (Moritz Bleibtreu) wird überall dort herbeigezogen, wo es delikate Fusionen abzuwickeln gilt. Smart und selbstbewusst hat er noch jede heikle Situation souverän zur Zufriedenheit seines Auftraggebers Pius Ott (Jürgen Prochnow) erledigt. Seinem Erfolg verdankt er ein Luxusleben und eine attraktive Ehefrau (Doris Schretzmayer). Doch eines Tages stürmt ein Firmenchef ins Büro, der nach einer von Blank durchgeführten Fusion vor dem Scherbenhaufen seines Lebenswerks steht. Noch bevor Blank sich's versieht, holt sein Gast die Pistole hervor und richtet sich selbst.

Überall hät's Pilzli dra, Pilzli dra, Pilzli dra...
Überall hät's Pilzli dra, Pilzli dra, Pilzli dra... © filmcoopi

Dieses schockierende Erlebnis wirft Blank gehörig aus der Bahn. Als er nach der Beerdigung den nahegelegenen Wald erkundet, stösst er dort auf einen Hippie-Flohmarkt und die junge Lucille (Nora von Waldstätten). Von ihrem alternativen Lebensstil angezogen, trifft er sie schon bald wieder und konsumiert mit ihr halluzinogene Pilze. Diese lösen etwas in ihm aus, das er nicht mehr kontrollieren kann: Plötzlich wird er nicht mehr von seinem Verstand, sondern von seinen Instinkten getrieben und beginnt Dinge zu tun, die ihn selbst schockieren. Was ist nur mit ihm los?

Viele Fehler hat die Romanumsetzung von Stephan Rick gewiss nicht begangen, und doch fehlt ihr der letzte Zacken. Nur in wenigen Szenen wird die Geschichte wirklich richtig packend. Ein wenig verstörender hätte der Film, in dem doch immerhin die Abgründe der menschlichen Seele ausgeleuchtet werden sollen, dann doch sein dürfen. Doch Die dunkle Seite des Mondes ist hier nicht so richtig stockdunkel, sondern höchstens ein bisschen schattig. Zeit für eine Mondfinsternis!

Erinnert sich noch jemand an die mittlerweile 40 Jahre alte Dürrenmatt-Verfilmung Der Richter und sein Henker, wo der Amerikaner Jon Voight einen Emmentaler namens Tschanz verkörperte? Das war ziemlich strange. Nicht ganz so arg, aber doch ein bisschen gewöhnungsbedürftig ist es auch hier, wenn ein Moritz Bleibtreu plötzlich als "Urs" durch die Story spaziert. Ausser den typischen Schweizer Namen ist an der Verfilmung von Martin Suters zweitem Roman jedoch nicht mehr viel Schweizerisches geblieben. Die Handlung wurde von Zürich nach Frankfurt verlegt, die Schauspieler wie auch der Regisseur Stephan Rick sind durchgehend aus Deutschland, Österreich oder Luxemburg.

Doch ist die Entscheidung, aus Blank einen Deutschen zu machen, durchaus folgerichtig, vor allem zu Beginn: Der arrogante Karrierist ist ja schliesslich seit jeher ein klassisch deutsches Klischee. Einem zackigen Deutschen nimmt mal wohl eine solche Rolle besser ab als einem behäbigen Schweizer. Wobei Moritz Bleibtreu noch arschlochiger hätte auftreten können. Doch ein wenig fehlt ihm da die Aggressivität, weshalb man Mühe hat, ihm den Erfolgsanwalt abzunehmen. Stärker wird er erst in der zweiten Filmhälfte, als ihm immer mehr die Kontrolle entgleitet.

Dem Film passiert das hingegen nicht: Er bleibt recht nahe an der Buchvorlage. Was als Stärke gedeutet werden könnte, ist in diesem Fall allerdings auch eine Schwäche. Denn Martin Suters Roman konnte auch als eine Art Satire gelesen werden, eine Satire über die menschliche Natur und seelische Abgründe mit einer schönen Pointe am Ende. Diese hat zwar auch den Weg in den Film gefunden, doch ist dieser so gar nicht Satire, im Gegenteil, er wirkt sehr ernsthaft. Dabei hätten doch gerade diese Themen einen Schuss schwarzen Humor bestens vertragen. Solcherlei Risiken wollte der Film offenbar nicht eingehen, was ihn zwar gefällig, aber auch ein wenig brav macht.

Dies ist auch schade, weil Die dunkle Seite des Mondes das Potenzial zu einem David-Lynch-mässigen Alptraum-Film gehabt hätte. Am ehesten noch etwas in diese Richtung gehen die gut gefilmten Wald-Szenen. Da kommt beinahe etwas Antichrist-Feeling auf, es fehlt nur noch der sprechende Fuchs. Fürs Sprechen sind hier nach wie vor die Menschen zuständig. Neben Hauptdarsteller Bleibtreu sind dies ein souveräner, wenn auch etwas gelangweilt wirkender Jürgen Prochnow, dem man seine langjährige Bösewichtroutine ansieht, und eine eher schwache Nora von Waldstätten, deren Lucille reichlich eindimensional geraten ist.

Natürlich bleibt Bleibtreus Figur die interessanteste. Sie soll als eine Art verführerischer Bösewicht dienen, mit dem man, ganz in der Tradition von Patricia Highsmiths Ripley, mitfiebert, obwohl er schlimme Dinge tut. Leider gelingt das nur ansatzweise, weil Bleibtreu mit seiner dauerbestürzten Miene zu wenig den Reiz des Unmoralischen versprüht. Zu sehr wirkt er noch immer wie der propere Schwiegersohn. Urs, den Bär, hat man sich irgendwie bissiger vorgestellt.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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Trailer Deutsch, 02:08