Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte (2015)

Dürrenmatt: Eine Liebesgeschichte (2015)

  1. 79 Minuten

Filmkritik: Das doppelte Lottchen

Dürrenmatt hinterlässt Spuren. Seien es nun die "Physiker", die "alte Dame" oder Kommissar Bärlach in "Der Richter und sein Henker" - viele Figuren des Schweizer Jahrhundert-Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) bleiben im Gedächtnis hängen und sorgen für Spannung und Heiterkeit im sonst eher trockenen Deutsch-Unterricht. Noch immer ziehen seine Komödien die Menschen scharenweise ins Theater, seine Texte beschäftigen die Literaturwissenschaftler, und ein Kriminalroman geriet gar in die Mühlen Hollywoods - Sean Penn und Jack Nicholson gaben sich die Ehre (The Pledge).

Nun wartet die Schweizer Filmszene mit einer neuen Dokumentation auf, die den Fokus auf die Liebesgeschichte zwischen Dürrenmatt und seiner Frau Lotti legen will. Die Schauspielerin war wohl die einzige, die mit dem turbulenten Charakter Dürrenmatts Umgang finden konnte. Das Verhältnis der beiden zeigt Dürrenmatt - Eine Liebesgeschichte mit einem Griff ins Archiv sowie Stimmen von Dürrenmatts Verwandten und nimmt uns mit auf einen philosophischen Ausflug in die Welt des Solothurner Genussmenschen.

Die Dokumentation Dürrenmatt - Eine Liebesgeschichte schiesst am Ziel vorbei. Zwar zeichnet sie ein liebevolles Porträt der Welt des Schriftstellers, kann jedoch die geschürten Erwartungen nicht erfüllen und verliert zunehmend den Fokus. Als Einführung in das Denken Dürrenmatts eignet sich der Film dennoch gut.

Für Regisseurin Sabine Gisiger (Yalom's Cure, Guru) ist Dürrenmatt kein Neuland. Im Januar 2015 zeigten die drei SRG-Sender das Filmportrait "Dürrenmatt im Labyrinth, eine Dokumentation über des Dichters Denken und Leben". Aus ihm erwächst auch die Rechtfertigung für Dürrenmatt - Eine Liebesgeschichte. Im dramatischen Zentrum des Films soll nun die "bisher unbekannte Liebesgeschichte" (Presseheft) zwischen Friedrich und seiner Frau Lotti stehen.

Doch kaum ist Lotti da, verschwindet sie schon wieder. Man vergisst die Frau, um deren Person es in diesem Film doch gehen soll. Plötzlich wird sie eingeflochten, dann sofort wieder aussen vor gelassen. Die neuen Erkenntnisse bleiben mager, worin das bis anhin Unbekannte besteht, bleibt rätselhaft. Die Dokumentation nimmt sich schlussendlich zu viel vor, tendiert je länger je mehr zur schwärmerischen Gesamtschau und wird prompt von der Komplexität des Dürrenmattschen Lebens erdrückt.

Mit Verena, Peter und Ruth Dürrenmatt stellten sich Kinder und Schwester des Schriftstellers zur Verfügung, die durchaus viel zu berichten wissen. Doch der Film verläuft ohne grössere Überraschungen. Die Gespräche mit den Verwandten fügen sich zwar gut ein - die zwei Kinder sprechen zum ersten Mal öffentlich über ihren Vater -, schwanken aber stark zwischen pointierten Aussagen und nostalgischem Nähkästchen-Plaudern. Das Ganze ist weitgehend interessant, doch der Fokus bleibt häufig unklar. Und daneben begleitet einen stets die Frage, was nun eigentlich mit Lotti ist.

Auf jeden Fall tut es gut, den erfrischenden Intellekt Dürrenmatts, dessen Aussagen gültig sind wie eh und je, wieder in Erinnerung zu rufen (beispielsweise die Rede von der "Schweiz als Gefängnis" 1990). Den Schriftsteller, den wir stets in den schwarzweissen Lettern zwischen zwei Buchrücken ergründen können, in farbiger Bewegung zu sehen, bietet natürlich einen speziellen Reiz. Doch neu sind diese Bilder nicht, basieren sie doch grösstenteils auf Filmaufnahmen einer anderen "Lotti": der deutschen Schauspielerin Charlotte Kerr, Dürrenmatts zweiter Ehefrau.

So bleibt man nach dem Abspann, einer poetischen Interpretation eines Dürrenmatts Gedicht von Züri West (nicht so gelungen wie noch der Soundtrack zum Goalie), gespalten zurück. Dürrenmatt - Eine Liebesgeschichte bietet zwar auf der einen Seite ein ansehnliches Porträt des Schriftstellers, das freilich keine Stricke zerreist, auf der anderen Seite verliert sich der Film im Gedankenkosmos Dürrenmatts und hat nur am Rande mit der im Titel versprochenen Liebesgeschichte zu tun.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Trailer Schweizerdeutsch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:17