From Afar - Desde allá (2015)

From Afar - Desde allá (2015)

Caracas, eine Liebe
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  3. 93 Minuten

Filmkritik: Von Venezuela nach Venetien

72. Mostra Internazionale d'Arte Cinematografica 2014

Der 50-jährige Armando (Alfredo Castro) lebt ein ruhiges, einsames Leben als Zahntechniker in Caracas. Um seine unterdrückte Homosexualität geheim auszuleben, bezahlt er jungen Männern aus den ärmeren Gegenden der Stadt eine grosse Summe Geld, damit ihn diese zu sich nach Hause begleiten. Dort müssen sie sich entblössen, während sie Armando von weit weg, der anderen Ecke des Raumes, beobachtet und sich befriedigt.

Als er den Kleinkriminellen Elder (Luis Silva) mit nach Hause lockt, will dieser nicht so richtig mitspielen. Armando fühlt sich aber trotzdem sehr zum 17 Jahre jungen Elder hingezogen und bezahlt ihn, um einfach nur Zeit mit ihm verbringen zu können. So entsteht eine unkonventionelle Freundschaft, doch kann daraus jemals mehr werden?

Desde allá ist ein unbequemer Film. Sein Protagonist leidet an seiner unterdrückten Sexualität, und wie er damit umgeht, macht ihn nicht gerade zum sympathischen Protagonisten. Die jungen Männer, die er ausnutzt und die Auswirkungen auf deren Psyche scheinen ihm egal zu sein, so lange er einen Weg findet, seine Lust zu befriedigen. Dass uns der Film dann auch noch eine Art Liebesgeschichte auftischen möchte, geht fast ein bisschen zu weit, und trotz Vaterkomplex wirkt Elders plötzliche Charakterwende unglaubwürdig. Die starken Kontraste zwischen arm und reich werden aber sehr schön aufgezeigt, und der Kamerann fängt das Geschehen in sonnengetränkten Bildern schön ein.

Das Debüt des venezolalischen Regisseurs Lorenzo Vigas hat dieses Jahr in Venedig den Goldenen Löwen für den besten Film erhalten. Eine Entscheidung, die man durchaus hinterfragen kann. Keine Frage, der Film hat mit Alfredo Castro und Luis Silva zwei exzellent agierende Hauptdarsteller, begeistert in anderen Belangen aber nicht gross. Castro mimt den scheuen Armando mit einer hintergründigen Traurigkeit und mit subtiler Mimik und Gestik, die beeindruckt, während Silva in seiner Schauspielpremiere mit einer differenzierten Darstellung zwischen Unsicherheit, Naivität und Machoismus brilliert.

So gut die Schauspieler sind, so schwach sind ihre Figuren. Armando ist trotz seiner tief verwurzelnden Probleme zu sehr ein "Grüsel", als dass man ihm die grosse Liebe gönnen würde. Dafür wird uns Armando in der ersten Szene zu "direkt" vorgestellt. Der Film glorifiziert die Figur zwar nicht, hinterfragt aber auch wenig, und über den Ursprung seiner Probleme wird nur am Rande gesprochen. Elder, der attraktive Junge, der sich hinter einem von ihm erwarteten Männlichkeit versteckt, erinnert sehr an die Jungs aus Y Tu Mamá También, dessen Regisseur übrigens Jurymitglied der prämierenden Jury in Venedig war...

Marco Albini [ma]

2003 verfasste Marco seine erste Kritik auf OutNow und ist heute vor allem als Co-Moderator des OutCast tätig. Der leidenschaftliche «Star Wars»-Fan aus Basel gräbt gerne obskure Genrefilme aus, aber Komödien sind ihm ein Gräuel.

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