Creative Control (2015)

Creative Control (2015)

  1. 97 Minuten

Filmkritik: Der Stadtneurotiker

NIFFF 2016
Heute langweilt man sich viel aufregender als früher.
Heute langweilt man sich viel aufregender als früher. © Studio / Produzent

Im Brooklyn der nahen Zukunft lebt und arbeitet der Produktdesigner David (Benjamin Dickinson), der gerade den neuesten heissen Scheiss testet, mit dem seine Firma die Welt verändern möchte: "Augmenta" ist eine äusserlich unscheinbare Brille, mit der man sich allerlei mögliche Daten direkt vors Auge laden kann - sie bietet also sozusagen eine erweiterte Realität. Die potenziellen Kunden sind begeistert und sehen darin die Technologie der Zukunft.

Stairway to heaven
Stairway to heaven © Studio / Produzent

Doch so richtig enthusiastisch ist David nicht bei der Sache. Denn zuhause herrscht gerade dicke Luft mit seiner Freundin, der Yoga-Lehrerin Juliette (Nora Zehetner). Ausserdem ist er heimlich verliebt in Sophie (Alexia Rasmussen), die Freundin seines besten Kumpels Wim (Dan Gill), welcher diese andauernd betrügt. Um sich von der Realität abzulenken, lädt sich David mithilfe seiner famosen neuen Brille eine virtuelle Kopie von Sophie vor sein Auge, um mit ihr seine Fantasien auszuleben. Doch bald genügt ihm dies nicht mehr.

Regisseur und Hauptdarsteller Benjamin Dickinson, der in seinem ersten Langspielfilm auch gleich die Hauptrolle übernommen hat, gibt in Creative Control eine Art technoiden Woody Allen. Der ruhig und distanziert inszenierte Film erinnert thematisch ein wenig an Her oder Ex Machina, stilistisch wiederum an Noah Baumbachs Frances Ha. Das Resultat ist eine gelungene Indie-Beziehungstragikomödie in hippem Retro-Look, die grundsätzliche zwischenmenschliche Probleme thematisiert. Diese dürften sowohl in der nackten als auch der erweiterten Realität noch eine Weile Bestand haben.

Nicht nur weil er in Schwarzweiss gedreht ist und in New York spielt, mutet Creative Control zuweilen ein wenig an wie eine technoide Version von Woody Allens Manhattan. Hier wie dort verliebt sich der vom Regisseur - in diesem Fall Benjamin Dickinson - selbst gespielte Progagonist in die Frau seines besten Freundes. Hier wie dort geht es um zwischenmenschliche Beziehungen und die Schwierigkeiten, miteinander zu kommunizieren. Und hier wie dort gibt es einiges zu schmunzeln.

Doch da war doch irgendwas? Ah ja, richtig, eigentlich lautet die Prämisse des Films ja, dass er zeige, wie sich die sogenannte Augmented Reality auf den Menschen und insbesondere dessen Beziehungsleben auswirkt. In Filmen wie Her und Ex Machina hat sich der Protagonist in Künstliche Intelligenz verliebt. Ganz soweit sind wir hier noch nicht. Hier beschränkt sich der Protagonist darauf, durch die neuen technologischen Möglichkeiten seine fleischliche Begierde zu befriedigen, wobei er zunehmend den Bezug zur Realität verliert.

Doch ist dieser Themenkreis nicht so dominant, wie man es möglicherweise denken könnte. Denn die erweiterte Realität nimmt in Creative Control höchstens die Relevanz eines Handlungsstranges ein. Seine Beziehungs- und Lebens-Krise hätte der Hipster-Loser David wohl auch ohne die wohl nicht zufällig an Google Glass erinnernde "Augmenta"-Brille gehabt. Dass man von der Realität auch anderweitig flüchten kann, beweist seine Freundin Juliette, die stattdessen im Yoga ihren inneren Frieden zu finden versucht.

Doch gerade in dieser Beiläufigkeit, mit der er das Thema abhandelt, liegt die Stärke des Filmes. Denn dadurch entsteht eine glaubhaftere Vision einer nahen, durch künstliche Intelligenz gepimpten Zukunft, als sie beispielsweise Her entwarf. Dass das alles in stylischem Retro inszeniert wird - die ruhigen Schwarzweissaufnahmen werden unter anderem von Bach- und Vivaldi-Stücken untermalt -, ist dabei die Ironie der Geschichte. Eine Zukunftsvision braucht nicht zwingend blinkende Lämpchen oder flimmernde Monitore.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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