Les cowboys (2015)

Les cowboys (2015)

  1. 114 Minuten

Filmkritik: Spurlos verschwunden

Aufsatteln!
Aufsatteln! © Studio / Produzent

Country-Klänge aus dem Lautsprecher, die Pferde unruhig mit den Hufen scharrend und Cowboy-Hütem so weit das Auge reicht: Ein Country-Festival irgendwo im ländlichen Frankreich der Neungziger-Jahre ist in vollem Gange. Mit Leib und Seele dabei sind auch Alain (Francois Damiens) und seine Familie, bestehend aus seiner Frau, seiner 16-jährigen Tochter Kelly und ihrem jüngeren Bruder, genannt Kid. Doch das Familienglück wird gestört, als von Kelly plötzlich keine Spur mehr ist.

Nein, ich weiss auch nicht wo der Burger King ist!
Nein, ich weiss auch nicht wo der Burger King ist! © Studio / Produzent

Nachdem die Tochter am nächsten Tag noch immer wie vom Erdboden verschluckt ist, alarmiert die Familie die Polizei mit Verdacht auf Kidnapping. Doch die Suche verläuft ergebnislos. Da trifft unerwartet ein Brief von Kelly ein: Sie hat sich in einen arabischen Jungen aus der Gegend verliebt und über ihn den Zugang zum radikalislamistischen Glauben gefunden, zusammen sind sie weggezogen. Während die Polizei den Fall aufgibt, setzt sich Alain in den Kopf, seine Tochter zurückzuholen - koste es, was es wolle. Eine jahrelange Odyssee beginnt, von Holland über die Türkei bis nach Pakistan.

Gelungene Kidnapping-Filme gibt es schon viele, sei es aus der Sicht der Suchenden (Prisoners, Gone Baby Gone, The Vanishing, Taken) oder der Gefangenen (À moi seule, 3096 Tage, Michael). Demgegenüber erzählt Les Cowboys zu Beginn nicht viel Neues. Doch Thomas Bidegain schafft es dank einem hervorragenden Drehbuch, die Geschichte über die zweistündige Laufzeit immer wieder in ungeahnte Bahnen zu lenken. So wird aus einer intimen Familiengeschichte ein regelrechtes Epos über eine zerrütete Familie im Brennpunkt zwischen der westlichen und der muslimischen Welt zum Beginn des 21. Jahrhunderts. Politisch brisantes, erzähltechnisches ausgereiftes und fantastisch gespieltes Autorenkino.

In seiner blanken, geradezu erschreckenden Nüchternheit, mit der vom verzweifelt nach seiner Tochter suchenden Vater erzählt wird, erinnert Les Cowboys an Costa-Gavras' Meisterwerk Missing. Auch die Figur von Hugh Jackman in Prisoners, zu jedem Opfer bereit für die Rettung seiner Tochter, hallt (wohl zufällig, da zeitgleich produziert) in Francois Damiens Filmfigur Alain wider. Doch der Elefant im Raum - oder soll man sagen das Pferd im Stall? - ist John Fords The Searchers, der grosse John-Wayne-Klassiker, wo sich ein einsamer, verbitterter Revolverheld auf eine zehnjährige Odyssee aufmacht, um ein geraubtes Mädchen aus den Fängen der Indianer zu befreien.

Heute sind es keine Indianer, sondern Muslime, genauer gesagt der orthodoxe Islamismus, dem die Tochter verfällt, und sie entflieht dem elternlichen Haus aus eigenen Stücken - doch die grundlegende Geschichte und Thematik ist dieselbe. Erzählt wird vom Kulturclash zwischen einer etablierten westlichen Gesellschaft und einer vermeintlich unzivilisierten Randgruppe (den arabischen Einwanderern) mit barbarisch anmutender Religion (u.A. Verschleierung der Frau), in deren "Höhle des Löwen" Alain sich aufmacht (er besucht Moscheeen, Zigeunerlager und schlussendlich die arabischen Länder selbst). Hinzu kommt im Verlauf des Filmes die politische Dimension, wobei an die Stelle des Indianerkriegs der «War on Terror» der Post-9/11-Ära tritt. Auch Francois Damiens - untypisch aber passend in einer todernsten Rolle besetzt - erinnert mit seiner mächtigen Statur, seinen Cowboystiefeln und seinem schweren Gang bewusst an John Wayne, und ebenso wie dessen Ethan Edwards ist er verbissen, sturköpfig und voll unartikulierter Wut.

Fort ist hingeger jeglicher Pathos, den die Geschichte in den Fünfzigern noch mit sich brachte: Bidegain, der sich im europäischen Kino einen Namen als Drehbuchautor von Filmen wie Un Prophète und Rust and Bone gemacht hat, ist sichtlich bestrebt, Hollywood-Klischees zu umgehen und zu untergraben. Er lässt Szenen immer wieder auf unerwartete Weise enden und jedes Mal, wenn man das wohlverdiente Ende der Suche Alains erwartet, zieht er die Reise weiter - in ein anderes Land, ins nächste Jahr. Ein richtiges Happy End muss man sich hier ebensowenig erhoffen wie in David Finchers dramaturgisch vergleichbar aufgebauten Film Zodiac.

Weder Dialog noch Musik enthält der Film viel, diverse Passagen kommen ohne beides aus. Zudem traut das Drehbuch dem Zuschauer eine gewisse Mitdenkfähigkeit zu, da mehrmals unangekündigt eine Zeitspanne von mehreren Jahren übersprungen wird und man die inhaltlichen Verknüpfungen selber herstellen muss. Die Kameraführung währenddessen ist ruhig und zurückhaltend, bestehend aus einer Michung von genretypisch düster-unheilverkündenden und annährend dokumentarischen Aufnahmen. Insgesamt ist Les Cowboys also subtil und filmisch auf hohem Niveau erzählt, lässt sich jedoch nicht so recht in eine Genreschublade einordnen. Entführungskrimi? Familiendrama? Politthriller? Egal, aber auf jeden Fall ein grossartiger Film.

/ jon

Trailer Englisch, 02:02