The Lure - Córki dancingu (2015)

The Lure - Córki dancingu (2015)

Sirenengesang
  1. , ,
  2. 92 Minuten

Filmkritik: Darf's noch ein wenig Fisch sein? - Das Kannibalen-Musical

NIFFF 2016
"Komm, ich hab uns ein Bad eingelassen!"
"Komm, ich hab uns ein Bad eingelassen!" © Studio / Produzent

Die beiden Sirenen Silver (Marta Mazurek) und Golden (Michalina Olszaska) gehen an Land. Ihre Beweggründe könnten - wie sich später herausstellen wird - unterschiedlicher kaum sein. Sowieso sind die beiden Wassergeschöpfe ziemlich unterschiedlicher Natur. Silver ähnelt viel mehr einem menschlichen Wesen und fühlt sich diesen auch näher, als dies bei Golden der Fall ist. Diese ist diese eher animalisch veranlagt und mit ihrem lasziven Blick ein richtiger Männermagnet. Die Männer mag sie zum Fressen gern...

Die beste Band der Welt! Oder zumindest aus Polen.
Die beste Band der Welt! Oder zumindest aus Polen. © Studio / Produzent

An Land angekommen, schliessen sie sich als Sängerinnen und Tänzerinnen einer allabendlich in einem Warschauer Stripclub auftretenden Band an. So kommt es dann, dass sich Silver in Mietek (Jakub Gierszal), ein Mitglied der Band, verliebt und der geschwisterliche Bund mit Golden zu brechen droht. Ihr Bekanntheitsgrad in der Stadt wächst aber rasant, und anscheinend kann sich der hypnotischen Wirkung der betörenden Damen bald niemand mehr entziehen.

Grundsätzlich gute Ideen wurden hier leider etwas - positiv gesagt - originell in Szene gesetzt. The Lure ist ein Sirenen-Musical mit viel nackter Haut und noch viel mehr Gesangseinlagen. Optisch vermag der Film von Agnieszka Smoczynska zwar durchaus zu überzeugen, dies alleine reicht aber bei weitem noch nicht aus für einen guten Film. Unterlegt mit viel Synthie-Pop, Punk und Drum'n'Bass, kommt das Werk eher wie ein Clip eines Musik-TV-Senders daher.

Es gibt viele schräge Filme, deren Sinn und Zweck man nie genau verstehen wird; oder bei denen der Betrachter sich fragt, welche Überlegungen dem Regisseur oder der Regisseurin wohl bei der Produktion durch den Kopf gegangen sind. Bei The Lure, dem Langfilm-Debüt der polnischen Regisseurin Agnieszka Smoczynska, ist dies wieder einmal der Fall. Hier werden kannibalische Sirenen in ein Musical-ähnliches Setting gesteckt und eine Story wird zwischen Soft-Erotikstreifen und 90-minütigem MTV-Music-Clip inszeniert. Weiter wird eine in einem Nachtclub spielende polnische Familienband porträtiert und diverse kontroverse Szenen sind zu sehen.

Das Werk stellt einen wilden Genre-Mix dar, könnte es doch neben dramatischen Einlagen, einer Coming-of-Age-Lovestory und kannibalischen Zügen ebenso ein dunkles Musical sein. So hoch liegt die Gesangsdichte während den 92 Minuten Laufzeit. Die vielen gesungenen oder von der Band gespielten Parts nehmen spätestens ab der Hälfte aber Überhand und werden zur Geduldsprobe für den ansonsten schon ungeduldig werdenden Zuschauer.

Weshalb die Regisseurin anscheinend explizit nach Kontroversen suchte, bleibt ein Rätsel, denn sie wirken enorm reingequetscht - man denke alleine schon an die Traumsequenz der Frontsängerin der Familien-Band. Jeder Charakter hat seinen eigenen Weirdo-Moment, bei welchem sich der Zuschauer mal mehr, mal weniger fremdschämt. Den Höhepunkt bieten dabei aber Golden und Silver, die beiden Sirenen, welche sich einen animalischen Kampf inklusive dazugehörender Fauch-Geräusche liefern oder einen - etwas intimeren - Kuss ausüben. Zusammen, versteht sich.

Hier wird nicht gegeizt, wenn es um die Darstellung nackter - hauptsächlich weiblicher - Haut geht. Den Sexismus-Vorwurf können wir uns aber sparen, schliesslich zeigt sich ja eine Frau dafür verantwortlich. Dass einige Szenen in Bezug auf die Nacktheit oder Explizitheit aber etwas zu lange geraten ist, kann aber nicht ignoriert werden: Wenn der Nachtclub-Besitzer (ein alter Herr) beinahe minutenlang die beiden nackten, blutjungen Nymphen betrachtet, mutet dies doch etwas schräg an.

Was aber zu gefallen weiss, sind einige Ideen, welche eingebaut wurden: beispielsweise die eigene Sprache der Sirenen in Form hochfrequentierter Schalllaute ähnlich derjenigen der Wale; oder die extrem langen, fischähnlichen Unterkörper mit spitzer Flosse. Die Kameraarbeit darf ebenfalls als gelungen bezeichnet werden: Interessante Perspektiven und Szenen, in welchen alles still zu stehen scheint und sich eine Person oder gar nur die Kamera bewegt, vermögen zu begeistern. Ansonsten geniesst das Werk eher ein Musicclip-Feeling, halten sich die beiden Protagonistinnen während der "Musical-Sequenzen" doch viel in der Bildmitte auf und die Nebencharaktere im Hintergrund - sozusagen nur als Dekoration.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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