Coconut Hero (2015)

Coconut Hero (2015)

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  2. 97 Minuten

Filmkritik: Ich glaub', du hast ne Schraube locker...

11. Zurich Film Festival 2015
Familienkonflikt auf kanadisch
Familienkonflikt auf kanadisch © Studio / Produzent

Der Teenager Mike (Alex Ozerov) lebt unter chaotischen Umständen in einer kleinen Holzfällerstadt in Kanada, zusammen mit seiner Mutter Cynthia (Krista Bridges). Einen Vater scheint es nicht zu geben, oder zumindest weicht Cynthia jedesmal aus, wenn Mike sie nach ihm fragt. Freunde hat er keine, in der Schule kommt er regelmässig unter die Räder. Sowieso: Mike hat sein Leben ziemlich satt, nichts wünscht er sich so sehr, als sterben zu können. Dies versucht er mit einem Schuss in den Kopf, was ihm zu seinem Leid misslingt.

Ohne Worte, wenn Blicke genügen...
Ohne Worte, wenn Blicke genügen... © Studio / Produzent

Mit nichts als einem Kratzer erwacht er im Spitalbett und wird von seiner Mutter sogleich zur Schule begleitet. Sein Suizid-Versuch ist dort nicht unbemerkt geblieben, was er sofort zu spüren bekommt. Als bei einer Nachuntersuchung ein Hirntumor entdeckt wird, glaubt sich Mike endlich an seinem langersehnten Ziel, ohne allerdings zu wissen, welche Wendungen sein Leben nehmen und er in seiner Therapie die bezaubernde Miranda (Bea Santos) kennenlernen wird - und was noch alles vor den zweien liegt.

Der Film von Florian Cossen ist eine überaus amüsante Komödie, gespickt mit triefendem, schwarzem Humor und dazu noch enorm sarkastisch und morbide. Tragische Elemente und eine traurige Grundthematik bilden eine äusserst solide Basis für diese deutsch-kanadische Produktion. Eine atmosphärische Dichte wie aus dem Lehrbuch und sehr sympathische und stark spielende Hauptdarsteller (Alex Ozerov und Bea Santos) machen Coconut Hero zu einem filmischen Highlight des Kinojahres 2015.

Coconut Hero ist nach Das Lied in mir erst der zweite Langfilm des Regisseurs Florian Cossen. Doch das Werk vermag mit einer enorm dichten und liebevoll-sinnlichen Atmosphäre zu überzeugen. Cossen erzeugt eine Intensität und Faszination wie selten zuvor gesehen. Schon ganz zu Beginn fesselt die Atmosphäre, und das nimmt mit fortlaufender Zeit sogar noch zu. Erschaffen wird ein Kosmos, der in sich geschlossen ist und perfekt harmoniert.

Wesentlich tragen dazu die (Jung-)Schauspieler Alex Ozerov und Bea Santos bei. Mit voller Hingabe verkörpern die beiden ihre (nicht immer einfach zu spielenden) gegenpoligen Rollen. Sie erscheinen - trotz teils überzogener Darstellung - authentisch, was an der Tiefe der Charaktere, aber auch am Genre (Komödie) liegen kann, denn zu keiner Zeit versucht der Film künstlich lustig zu sein: Stets sind es Szenen, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit und ihrer Absurdität unterschwellig amüsant sind.

So werden die Zuschauer während 100 Minuten bestens unterhalten von einer tragisch-komischen Story mit viel schwarzem Humor, Zynismus und Morbidität sowie einem Tränen-in-die-Augen-treibenden Umgang mit ernsthaften Themen wie Tod, Suizid und Krankheit. Dies beginnt mit der ersten Einstellung, als Mike versucht, sich mit einem Gewehr in den Kopf zu schiessen, ohne dabei zu vergessen, seine eigene, irrsinnig witzige Todesanzeige aufzugeben und seiner Mutter eine Botschaft mit dem Inhalt "Vergiss bitte nicht, die Fische zu füttern" zu hinterlassen.

Zu vergleichen ist das Werk mit dem erst kürzlich erschienen Paper Towns, welchem er aber eine stärker verdichtete und bessere schauspielerische Leistungen, garniert mit viel schwarzem Humor und mehr Experimentalität, voraus hat. Die Dialoge sind sehr kurz gehalten, sprudeln aber vor Wortwitz über und sind genau aufgrund der Wortkargheit so belustigend. Mehr Dialog braucht es auch gar nicht. Stark sind auch die Szenen, in welchen Mike jegliche Konversation ablehnt und die beiden sich minutenlang anschweigen, ohne jedoch mit sinnlichen Blicken zu geizen. Dass die beiden mehr verbindet als reine Freundschaft, ist sofort erkennbar.

Die Kameraeinstellungen sind experimentell gewählt, aber äusserst gelungen: Gefilmt wird so zum Beispiel aus einem Grab heraus, mit eingestreuten (total überzogenen) Super-Slowmotions oder schrägen Aufnahmen von der kanadischen Natur. Die Kamerafahrten sind sehr langsam und verharren im richtigen Moment. Allgemein ist es ein ziemlich langsamer Film, lange, statische Aufnahmen und Makroaufnahmen lassen die Luft knistern. Ein fröhlicher Indie- und Folkloresoundtrack trägt als Stilmittel zur Komik bei, wird dank der Lyrics aber dennoch emotional eingesetzt. In den richtigen Momenten fehlt die Musik gänzlich, Umgebungsgeräusche im Hintergrund untermalen die emotionale Stimmung und nehmen dem Werk noch mehr das Tempo.

Yannick Bracher [yab]

Yannick ist Freelancer bei OutNow seit Sommer 2015. Er mag (Indie-)Dramen mit Sozialkritik und packende Thriller. Seine Leidenschaft sind Filmfestivals und die grosse Leinwand. Er hantiert phasenweise noch mit einem Super-8-Projektor und lernt die alten Filmklassiker kennen und schätzen.

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Kommentare Total: 3

yab

Vorzeitig einen Film verlassen und dann bewerten: NO-GO!

Zeron

Sorry aber vom triefendem, schwarzem Humor der dem Film inne wohnen soll habe ich nicht viel gemerkt. Enorm sarkastisch und morbide habe ich leider auch vermisst. Das war alles nur in homöopathische Dosen vorhanden.Ich habe mich ernsthaft für jede vermeintlich witzigen Einfall den der Fim/Regisseur /Drehbuchautor hatte bemüht wenigsten ein Schmunzeln zu zeigen damit meine beiden Mitstreiter nicht schon nach einer halben Stunde resignieren. Aber nach fast 45 min. hoffen das der Film endlich mal Fahrt aufnimmt und sich steigert haben wir den Kinosaal verlassen um interessanteren Tätigkeiten nachzugehen.Fazit: Sonntag Nachmittag bei schlechtem Wetter im TV guckbar, sich ins Kino bemühen und dafür zu bezahlen überflüssig.Aber wer weiss vielleicht hat es die zweite Hälfte noch mal so richtig rausgerissen.

yab

Filmkritik: Ich glaub', du hast ne Schraube locker...

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Trailer Englisch, mit deutschen und französischen Untertitel, 02:06