Chronic (2015)

Chronic (2015)

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  2. 92 Minuten

Filmkritik: Das Sterben der Anderen

Tablet und Tabletten
Tablet und Tabletten © Studio / Produzent

David (Tim Roth) ist ein Krankenpfleger, der sich auf die Betreuung von unheilbar kranken Menschen spezialisiert hat. Seinen Job lebt er mit Haut und Haar und übernimmt schon mal unerlaubterweise die Schicht eines Kollegen, um länger bei seinen Patienten zu sein. Sein aktueller Pflegefall ist eine aidskranke Frau, die er praktisch rund um die Uhr betreut und daher näher kennt als jedes ihrer Familienmitglieder. Als seine Patientin stirbt, hat er beinahe das Gefühl, seine eigene Ehefrau verloren zu haben.

Liegt die Wahrheit im Alkohol?
Liegt die Wahrheit im Alkohol? © Studio / Produzent

Neben seinem aufopfernden Engagement, das einigen Familienmitgliedern seiner Patienten nicht ganz geheuer ist, lebt David zurückgezogen und hat nicht viel soziale Kontakte. Seine Freizeit besteht hauptsächlich aus Jogging und Fitness sowie darin, via Facebook die Aktivitäten seiner Tochter Nadia (Sarah Sutherland) zu verfolgen. Von dieser hat er sich entfremdet, seit die Familie einen schweren Verlust hat erleiden müssen. Mit ihr zu sprechen ist für ihn viel schwieriger als mit seinen todkranken Patienten...

Irgendwie wirkt er schon ein wenig creepy, der von Tim Roth verkörperte Krankenpfleger. Man fühlt sich nicht so richtig wohl dabei, ihm zuzuschauen, wie er sich im Leben seiner Opfer, Verzeihung, Patienten einnistet und seine Tochter stalkt. Das ist durchaus Konzept in Chronic, und im Laufe des Filmes wird auch seine Motivation begreiflicher. Ein stiller und bedrückender Film - einige klischeehafte Szenen und ein wichtigtuerisches Ende geben allerdings Abzug in der B-Note.

In den ersten Szenen wirkt Chronic ein bisschen wie Michael Hanekes Amour in jung: Ein Mann pflegt seine todkranke Ehefrau bis zur Aufopferung. Dieser Eindruck besteht aber nur bis zu dem Punkt, an dem der Zuschauer kapiert, dass es sich bei der vermeintlichen Ehefrau von Tim Roths Charakter um dessen Patientin handelt: Er ist ein professioneller Krankenpfleger. Die zunächst rührende Zärtlichkeit, mit der er sich vorher um die Frau gekümmert hat, kriegt nun plötzlich einen schalen Nachgeschmack.

Dank diesem geschickten Regie-Kniff begreift der Zuschauer gleich am Anfang, dass der Pfleger hier die Grenzen der Professionalität strapaziert: Offensichtlich hat der Mann ein Problem. Was das für ein Problem ist, wird im Laufe des Filmes dann auch klar. Es hat irgendwas mit seiner Tochter zu tun, die er auf Facebook stalkt oder auch mal anruft, ohne ein Wort zu sagen - Letzteres ein etwas gar abgenutztes Mittel, um die Kommunikationsunfähigkeit zu illustrieren. Überhaupt ist dieser Handlungsstrang etwas weniger überzeugend als derjenige, in der die (zu) intime Beziehung zu den Patienten gezeigt wird. Das zerrüttete Vater-Tochter-Verhältnis ist nun nicht gerade die allerfrischeste Drehbuchidee.

Der Film des mexikanischen Regisseurs Michel Franco ist sehr langsam und bedächtig und verzichtet über die gesamte Spielzeit auf jegliche musikalische Untermalung. Wie auch sein Protagonist wirkt der Film passiv, beinahe schon apathisch. Zumindest bis zum brüsken Ende, für das in die dramaturgische Effektkiste gegriffen wird, um dem Film mehr Schwere zu verleihen. Ein allzu durchschaubarer Trick, der auch nicht stimmig ist bezüglich der vorangegangenen Handlung. Und er wäre auch nicht nötig gewesen: Ein bedrückender Film über Trauer und Abschied ist Chronic auch so geworden. Man muss nicht immer mit Ausrufezeichen um sich werfen.

Simon Eberhard [ebe]

Aufgewachsen mit Indy, Bond und Bud Spencer, hatte Simon seine cineastische Erleuchtung als Teenager mit «Spiel mir das Lied vom Tod». Heute tingelt er durch Festivals und mag Krawallfilme genauso wie Artsy-Farts. Nur wenn jemand einen Film als «radikal» bezeichnet, rollt er genervt mit den Augen.

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