The Big Short (2015)

The Big Short (2015)

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  2. 130 Minuten

Filmkritik: Who understands the stuff?

Worum geht's da überhaupt?
Worum geht's da überhaupt? © Universal Pictures Switzerland

Es könnte ein typischer US-Werbespot sein. Da sitzt Jarred Vennett (Ryan Gosling) von der Deutschen Bank und preist sich an. Er hat als einer der wenigen Banker die Mechanismen durchschaut und auf den Untergang des Immobilienmarkts gewettet. Während unzählige Menschen ohne einen Cent auf der Strasse stehen, sitzt er auf Dollar-Millionen. Tja, feines Näschen gehabt.

Wir werden vom Weltuntergang profitieren!
Wir werden vom Weltuntergang profitieren! © Universal Pictures Switzerland

Im Jahr 2005 ist der Bankensektor der wichtigste Wirtschaftszweig der USA. Der schnelle und grosse Gewinn scheint für jedermann zum Greifen nah, immer lukrativere, scheinbar risikolose Geschäfte werden auf dem Häusermarkt abgeschlossen. Da geschieht etwas Merkwürdiges. Hedgefonds-Manager Dr. Michael Burry (Christian Bale), ein eigenwilliger Kauz, der sich nicht scheut, auch den hochdekoriertesten Wirtschaftskennern zu sagen, dass sie das Business nicht verstehen, plant den "Big Short". Er wettet Unsummen gegen den Immobilienmarkt und versucht so, den grossen Gewinn einzuheimsen. Einige andere Finanzhaie (Steve Carrell, Ryan Gosling, Brad Pitt) werden ebenfalls auf das bevorstehende Platzen der Immobilienblase aufmerksam und versuchen, aus dem erwarteten Wirtschaftsfiasko Unmengen an Geld zu generieren. Zum Leidwesen der Weltwirtschaft werden sie vorneweg als Spinner abgekanzelt, denn tatsächlich sind sie die Einzigen, die erkennen, auf welches Fiasko der ökonomische Koloss USA unaufhaltsam zusteuert.

Die Verfilmung von Michael Lewis' Bestseller liefert ein Abbild der Bankenszene, deren Mechanismen vor einigen Jahren zur Beinahe-Apokalypse geführt haben. In bestem Wirtschaftsjargon verfolgt man ohne Effekthascherei die jüngsten Wölfe der Wallstreet auf ihrem Weg zum ganz grossen Coup. Obwohl Laien das komplexe und komplizierte Geflecht kaum durchblicken können, hält der Film stets die Spannung hoch; dies dank einer hervorragenden Besetzung, zackiger Dialoge und der thematischen Aktualität. The Big Short setzt der viel zitierten Wirtschaftskrise in den frühen 2000ern ein inhaltlich und künstlerisch würdiges Denkmal, das Normalbürgern eine unmissverständliche Botschaft mitgibt: "Everyone was wrong."

Trotz der über zweistündigen Vollgas-Tour durch den tiefen Sumpf der nichtssagenden Bankensprache: Man muss keinen Wirtschaftsmaster in der Tasche haben, um The Big Short folgen zu können. Um ihn genau zu verstehen, wäre ein mehrjähriges Universitätsstudium sicherlich hilfreich, doch auch dann ist der Slang-Dschungel schwierig zu erobern. Subprime mortgage, short-position, credit default swap, CDO - whatever, die Devise um 2005 lautet: "The housing market is rock solid." Nach all den diffusen Begriffen endlich ein Satz, den jeder versteht! Dabei bleibt's dann aber so ziemlich. Der Film erklärt schnell, dass er genau gleich funktionieren will, wie die Wallstreet. Es werden absichtlich verwirrende Begriffe verwendet, um die Kunden, respektive die Zuschauer zu verunsichern. Blitzschnell schnappt die Falle zu und man ist gefangen in einem betrügerischen System. Je mehr erklärt wird, desto weniger versteht man. Aber, Hand aufs Herz, das ist ja nicht so wichtig, denn die gut aussehenden Kerle in ihren schicken Anzügen wissen ja, was sie tun, nicht?

Ein erster Aha-Effekt macht sich bemerkbar. Doch ist dies Grund, sich die ganze scheinbar bevorstehende ökonomische Tour de force anzutun? Ja! Glücklicherweise verfügt Regisseur Adam McKay (Anchorman) über ein Starensemble, das stilsicher dafür sorgt, dass dem Film der Atem nicht ausgeht. Die Geschwindigkeit ist durchweg rasant, die Szenen kurzweilig, der Puls hoch - und das, obwohl man noch immer keine Ahnung hat, worum's denn genau geht. Da haben wir die Triade bestehend aus dem selbstbewussten und sympathischen Eigenbrötler Dr. Burry (einwandfrei verkörpert von Oscargewinner Christian Bale (The Fighter)), den schicksalsgeplagten Mark Baum (Steve Carrell, der trotz aller Mühen noch immer sehr an die seichten Loserfiguren seiner Komödien erinnert) und den geldgierigen, öligen Jarred Vennett (Ryan Gosling), der als Erzähler in bester Verkäufermanier durch den Film führt. Der Moralapostel-Auftritt von Brad Pitt als Star-Investor Ben Rickert beschränkt sich wie schon bei 12 Years a Slave auf ein Minimum, ist hier aber um einiges gelungener eingebettet. Sein wichtiger ethischer Fingerzeig trifft einen äusserst wunden Punkt, doch wie Rickert in diesem korrupten System selber munter mitmischt, untergräbt seine eigene Botschaft. The Big Short entlarvt so an seinem Beispiel die Skrupellosigkeit der menschlichen Gier.

Den Klotz an bedenklichen Abläufen vermittelt The Big Short zuweilen mit Szenen, die von Zynismus nur so strotzen. Es geht sogar so weit, dass die Figuren den Film stoppen, um Korrekturen anzubringen. Sie bezichtigen den Film keck der Lüge - und damit auch die Banken. Darüber hinaus kommen Hollywood-Sternchen, die mit dem Film nichts am Hut haben, zu Gastauftritten. Sie sollen dem Normalo in einfacher Sprache klar machen, wo und warum der Finanzfisch stinkt. Doch diese Einschübe helfen nur bedingt, immerhin sind sie sehr erheiternd. Dieser eingesprenkelte Witz entlastet den zunehmenden Druck, den der Film aufbaut. Die witzigen Momente sind auf jeden Fall angenehm, wichtig und nötig. Doch das Lachen bleibt einem im Hals stecken, wenn man bedenkt, dass sich dies vor wenigen Jahren in etwa so abgespielt hat.

Tom von Arx [arx]

Für OutNow schaut Tom seit 2015 Filme und detektiert seit 2019 Stilblüten und Vertipper. Der Profi-Sprecher und überzeugte Hufflepuff lässt sich gerne bei sublim konstruierten Psycho-Thrillern vom metaphysischen Gruseln packen und wünscht sich eine tierleidfreie Welt voller biggest little farms.

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Kommentare Total: 4

Benster

Must see. Eine hervorragende Darstellung einer der grössten Skandale der Wirtschaftsgeschichte. Genial gemacht und zielgenau auf den Punkt gebracht.

muri

Interessantes Thema, starke Umsetzung. Bleibt fast über die ganzen 130 Minuten gut, nur gegen Ende geht etwas die Luft aus. Trotzdem absolut sehenswert und für einmal ein Film zum mitdenken (und dann kopfschütteln...)

crs

Der Film kriegt 5 Sterne. Die Kritik 6.

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